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Fra - Juli 1995

angst ist eine alte erinnerung

angst ist eine alte erinnerung. nur noch befürchtungen kenne ich. nicht einmal diese haben grund.

wenn ich mit dem rollstuhl ans fenster fahre, sehe ich nichts als meinen park, und darüber den wechselnden himmel.

fast das einzige, das sich in meinem leben noch bewegt, sind vom wind getriebene wolken. manchmal leuchten ihre ränder golden von der untergehenden sonne. fast das einzige, was ich hier hören kann, ist das ticken der großen alten standuhr. nie kann ich es erwarten: wieder einmal das dumpfe schlagen - wieder einmal ist zeit dabei, vergessen zu werden: tot, leer.

es war anders: als ich noch dichte schwarze haare hatte und kontrolle über meine beiden beine. ich weiß noch, wie ich mit großen schritten bei mondschein über die hellen kieswege ging.

vorbei.

ihr gesicht sah fast steinern aus, als sie mir sagte, was ich schon erwartet hatte. daß es nicht mehr ginge. daß sie jetzt gehen müsse. für immer.

ich schwieg. ich weiß, daß das weiße meiner augen besonders im mondlicht erschreckend leuchtet.

ich ging so schnell, daß sie mir nicht folgen wollte. bald kam ich auf dast dunkle wege, die ich kannte. immer höher wanderte ich, weit aus der stadt hinaus, bis auf die kuppe mit dem turm.

lange muß ich dort oben gestanden haben. daß ich sofort sprang, kann ich mir nicht vorstellen... nein, nicht meine art.

alles war schummrig grün. geräusche eiliger, leise sprechender menschen. eine männerstimme jammerte.

wo ich war, fragte ich mich nicht. es gab mich. daß ich etwas anderes gewollt hatte, mußte man mir berichten.

unter den gesichtern, die sich über mein bett beugten, war eins, von dem niemenad gefragt hatte, ob ich es sehen wollte.

kann man erst einmal nicht aufstehen, hat man sich über jeden zu freuen, der kommt.

"wie geht`s dir?"

oft unterbricht sie das schweigen meiner antworten, aber dieses mal sagte sie: nichts.

sie versuchte mitleidig auszusehen. springt jemand wegen ihr vom turm, ist sie zumindest wichtig.

an einem tag voller nieselregen - leichtem wind - ohne erwartungen - ertönte seit langem wieder einmal die türglocke, deren messingknopf grünspan angesetzt hatte. die šberwachung erfaßte ein gesicht, abgespannter als in meiner erinnerung. einen moment lang erwägte ich, sie draußen stehen zu lassen. ich paßte den moment ab, als sie überleg

te aufzugeben, da drückte ich auf den summer.

wie gehetzt sie war - ich selbst hatte es besser getroffen.

sie versuchte mich anzulächeln. "setz dich."

meine worte verfielen sofort auf dem dunklen dicken teppich. mit einer meiner bleichen hände wies ich auf den stuhl.

"ich  selbst sitze ja immer gut."

wie ruhig ich atmete. die luft des großen raumes , die ich lange gewohnt war.

ihr blick flackerte.

"darf ich hier rauchen?"

"nein."

bevor sie etwas sagen konnte, lachte ich.

"natürlich..."

sie zündete sich eine zigarette an.

"ach, gregor, ich wollte nur wissen, wie`s dir jetzt geht..."

"siehst du doch."

ich drückte einen der knöpfe auf der ledergepolsterten armlehne. mit leisem surren rollte der elektrogetriebene rollstuhl auf sie zu.

"gregor - es tut mir leid."

"du mußt dich nicht entschuldigen."

mit leicht zitternden fingern hob sie die zigarette zum mund.

"ich hatte damals nicht geglaubt, daß du..."

"schon gut."

ich sah sie mit meinen ungebrochenen augen an.

"ich habe lange gebraucht. was du dir versucht hast anzutun, hat mich verfolgt als schatten. nun... ich konnte mir kaum vorstellen, daß du mir verzeihst."

"wieso denn nicht? du hast nichts getan."

"nichts? aber... gregor..."

"wirklich nichts. alles war ich."

sie schwieg. ich wußte, es machte sie nervös.

nimm mir nicht auch noch das.

"immer habe ich das leben verachtet. immer. das hatte mit dir doch nichts zu tun." ich sah zu, wie ihre augen ganz langsam feucht wurden.

"daß man für dich vom turm springt - meinst du im ernst, das seist du wert?

du hast wie immer nicht viel begriffen. jetzt geh` besser."

ich sah ihr nach, wie sie zögernd richtung tür ging.

"du bist vor dem leben davongelaufen," flüsterte sie, "wie auch jetzt."

ich lachte.

"klar. mit meinen beiden gelähmten beinen."

ein blick auf den monitor zeigte ihre aus dem gleichgewicht geratenen schritte.

mein fahrstuhl funktioniert fast geräuschlos. mit meinem rollstuhl hätte ich sie sofort einholen und von hinten erschießen können.

statt dessen legte ich musik auf - gustav mahler, zweite sinfonie - sah wieder den ziehenden wolken nach und polierte meinen schalldämpfer.

© Alle Rechte verbleiben bei Franziska Caesar

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Dieses Dokument wurde zuletzt aktualisiert am 25.10.03
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