Franziska Caesar - Januar 2004
auswege
die hallen waren wie immer gut gepflegt. wir
hatten nichts zu tun.
egal, ob es tag war oder nacht. ohnehin gab es keine fenster.
manchmal war das licht so grell, dass es dir ins gesicht biß, deine
augen verätzte, immer gab es auch schatten, große vielfarbige
pflanzen, manche künstlich. manche echt, die dich selbst
und alles, was du sehen konntest, zum verschwinden brachten.
ich mußte mich anstrengen, schritt zu halten, zu lange hatte ich wach sein
müssen, mich umsehen nach der jeweils besten
möglichkeit. eigentlich kannte ich niemanden.
sie gingen, sie standen um mich herum, meist wußte ich nicht, ob
sie mich sahen, ob sie überhaupt etwas sahen oder vielleicht
alless
"hör auf!"
"nein."
"du wirst aufhören."
einige waren grell geschminkt, hatten sich ihre vielleicht schon
zerfurchten gesichter und zitternden hände überzogen mit
neonfarbiger künstlicher haut.
dahinter die augen, tief versunken, manchmal zu trüb, pupillen zu
groß oder zu klein, es war nicht wichtig.
man trug Sonnenbrillen, nicht immer.
"wo geht ihr hin?"
"du darfst nicht mitkommen."
wenn sie dies sagten, war es schon eine ehre. zu oft sahen sie
dich nicht, sahen nichts als sich gegenseitig, die anderen
überragend, gegen diese ausgerüstet mit gezielt plaziertem
schweigen, sie lächelten sich an, ob es einen grund gab oder
nicht, nur um gegen dich NICHT zu lächeln.
wenn sich blicke trafen zwischen den lauten, wohlgenährten, grell
gekleideten und den unauffälligen, "gehetzten" genannten, zielten
attacken ins leere, und ruhe bewirkte nichts. nie hatte jemand die
gehetzten sehen können, wie es auch grell gekleidete herrschende gab,
deren augen plötzlich umkippten und
verstörte blicke zeigten; machtlose, die nicht
beherrscht wurden,
und welche, die bestimmen konnten über alles, nur nicht sich
selbst.
man trug die gesichter eine zeit lang dunkelblau, dazu poliertes
schwarzes leder, hohe stiefel, gegenseitig überbot man sich.
manchmal fielen dadurch nur die unauffälligen auf.
wir rannten, der tag oder abend oder die nacht gehörte uns, ich
stürmte den lauten hinterher, um mich beperlen zu lassen von ihrem
lachen, die hallen waren endlos, die hallen waren weit, verbunden
durch gänge, von denen niemand feststellen konnte, ob sie
überirdisch waren oder unterirdisch.
zwei glatzköpfige, breitschultrige, andere überragende männer
steckten die köpfe zusammen, einer in grellgelb, der andere in
grellrot; als sie in die gleiche richtung sahen, erkannte ich:
ihre gesiebter glichen sich.
von zeit zu zeit schlug man mir auf die schulter, und ich
schnappte worte auf, wie ein hungriger hund, ich selbst aber
schwieg, denn es gab nichts zu erwidern.
ich war hier besucher, ich wollte ins freie, gläserne kuppeln,
darüber künstlicher dunkler himmel.
halb schwarz ausgekleidete, wände füllende aquarien mit grellen
künstlichen pflanzen, die fische lebten, ich sah in ihre ruhig
glitzernde kalten äugen.
"liebst du mich?"
"aber woher denn? was meinst du damit?"
man lächelte sich an, man lachte sich aus.
"nun komm!"
ich drehte mich um, ich wußte: ICH war gemeint, aber die das
gesagt hatten, waren schon fort.
ich wollte ins freie.
zwei gehetzte spazierten, lachend, eingehakt, entlang einer
akkurat entworfenen promenade. von der decke erklang musik.
ich folgte den beiden abgenutzt, unauffällig gekleideten.
vielleicht kennen, die sich stämdig verstecken müssen, mehr wege.
ich folgte ihnen in räume, die ausgekleidet waren mit schäbigkeit,
von denen jeder grelle wusste, aber niemand derer hingehen wollte,
denn es gab doch besseres.
die schäbigen lachten. mich, versteckt, bemerkten sie nicht. noch
einige andere kamen, ich wagte mich hervor, unter ihnen fiel ich
nicht auf.
einige hatte ich schon gesehen. es waren nicht so viele, wie es
schien, nur wechselten sie schnell, in anderer
umgebung, hemden, jacken, gesichter und wurden, zurückgekehrt,
betrachtet wie fremde, wie andere, wie viele.
"was machen wir morgen?"
"wie bekommen wir ihre gesichter in kurzer zeit aufgedunsen?"
man applaudierte, man lachte.
"wir bringen sie dazu, uns einzusperren, dann haben wir ruhe."
"wir bringen sie dazu, uns zu bewachen, sie finden keinen
schlaf..."
sie müssen uns suchen, in nur scheinbar verborgenen
Schlupfwinkeln.
"sie werden uns schlagen, treten, versuchen zu zerquetschen, bis
ihnen die kraft ausgeht."
"sie lernen, fassade zu wahren, seht ihr nicht, seht ihr nicht,
wie es dahinter verdirbt, wie durch tabletten nicht gespürte
müdigkeit ihre züge zerfrisst, wie fleisch zerfällt, wie es
stinkt?"
"lass uns warten..."
ohne einen ausgang gesucht zu haben, gelangte ich ins freie, um
mich natürlich wirkende nächtlich dunkle wölken unter
blankgeputzten glaskuppeln.
man hat, um ihren anblick schöner zu machen, luft gefärbt.
fliegen kann ich schon lange, nur hatte ich nichts gewusst.
um mich ränge einer arena. ohne jedes publikum, voller, bunt
beklebter flacher Oberkörper aus pappe, jeder denkt einen anderen
gedanken.
ich fliege, schneller und schneller, ohne
absieht.
so wie ich fliege, kann ich voller wucht stoßen gegen stein, mit
meinem blutig blitzenden fleisch, mit meinem schädel, dass es
knirscht.
grelle lichter schleudern vorbei, dunkle fetzen halb zerrissener
stille.
darüber muss ich lächeln.
leichter wind streichelt mein gesicht.
© Alle Rechte verbleiben bei Franziska
Caesar
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Rolf Schälike
Dieses Dokument wurde zuletzt aktualisiert am 10.02.04
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