Franziska Caesar - Juni 2004
Candies
Es war einmal ein kleiner
Pfefferminzbonbon, der lebte glücklich mit seinen Geschwistern in einer
Tüte.
Das grüne Einwickelpapier
stand ihm gut, und umgürtet war er mit der Schärpe der Farben tragenden
Studentenverbindung. Auch, wenn er schon lange seine Dissertation
abgeschlossen hatte über das Thema "Humanoral aromatische Autolyse unter
den Aspekten von Selbstverwirklichung, Exitus, Transitivität und
Reinkarnation", zeigte er keinerlei Spuren von Arroganz. Weder gegenüber
den albern kichernden, mit ihren drallen Körperformen protzenden
Himbeerbonbons noch gegenüber selbstverliebten, vorlaut daher redenden
Erstsemestern, die sich alle schon für künftige Professoren hielten.
Als einziger seiner
Geschwister sprach er sogar mit den ansonsten allseits verhassten,
als glitschig verschrienen Lakritzschnecken, deren bissiger Humor ebenso
schwarz war wie diese selbst.
"Hey, Chris!" begrüßten
sie ihn, als ihre jeweiligen bunt geschmückten, halb durchsichtigen Tüten
nebeneinander in dem gleichen Einkaufskorb zu liegen kamen.
Mit vollen Namen hieß er
eigentlich Erwin Christian Cornelius, doch die Aufzählung seiner Vornamen
erschien ihm eben so altmodisch wie der Bergstedter Tante-Emma-Laden, in
dem er soeben verkauft worden war.
"Moin moin!" antwortete er
als echter Hamburger, "Was gibt´s?"
"Hast Du in Deiner
Doktorarbeit eigentlich auch berücksichtigt, wie man das nennt, wenn man
Euch wieder ausspuckt?" fragte Glibby, die frechste der
Lakritzschnecken.
Das war natürlich eine
Beleidigung, aber er lachte bloß. Er war sich seines leckeren Geschmacks
bewusst.
"Klar," flachste er,
"wisst Ihr glitschigen Mollusken nichts von wissenschaftlicher
Terminologie? Das nennt man dann nämlich Exitus interruptus."
"Mal was anderes," sagte
eine von den Schnecken, denen darauf keine schlagfertige Antwort mehr
einfiel,
"habt Ihr schon von den
Vitisten gehört? Die haben übers Internet Buttersäure bestellt und wollen
sich damit einschmieren, damit sie nicht sofort gegessen werden. Die
Lieferanten schweißen sogar deren Bonbontüten wieder zu."
"Tja," sagte Chris,
"sobald jemand die Tüte aufmacht, landen die dann doch auf dem Müll. Und
da werden sie irgendwann verbrannt. Außerdem - gegessen zu werden ist doch
unsere Bestimmung, es ist eine Ehre. Oder möchtet ihr in irgendeiner
Schüssel im Kinderzimmer Staub ansetzen, ab und zu von lästigen
Stubenfliegen besabbert werden und warten, bis euch eine Ratte frisst?"
"Nee," sagte Glibby, "wir
sowieso nicht. Wir sind ja nicht mal eingewickelt. Wir werden dann hart
und trocken, und weil wir schwarz sind, sieht man den ganzen Staub auf
unserer Haut. Aber Du - Du siehts ja noch gut aus, wenn Du etwas älter
bist. Hey - Doktor C. Soldan. Keine Lust, Professor zu werden?"
"Hä?"
"Schöne Grüße von den
Vitisten. Sie selbst schmieren sich vor allem deshalb mit Buttersäure ein,
weil sie Thomas Gottschalk so doof finden, der für sie Werbung macht. Den
Namen Vististen führen sie eher zu Zwecken der Mitgliederwerbung. Damit
überzeugen sie hohlhirnige Baisers."
"Hä?" meinte Chris, nun
wirklich ein wenig irritiert. Und das ihm, dem Studierten. Vielleicht
wusste er wirklich noch zu wenig von der Welt.
"Das stimmt," sagte Glibby,
"ich hab´ Recht. Ich hab´ wochenlang neben der Spielzeuglupe im Regal
gelegen, und die betreibt eine Detektei."
"Typisch Du," maulte
Chris, "nie anner Uni gewesen. Komm doch endlich mal zum Punkt."
Glibby grinste.
"Ruhig, ganz ruhig, ist ja
erst nachts um eins. Vor morgen früh wirst Du bestimmt nicht gegessen."
"Und worum geht es jetzt?"
"Im Internet haben die Vitisten was gehört von
´ner Stellenausschreibung, und zwar als Geschenk. Das Profil trifft genau
auf Dich zu. Gut, ne?"
"Hä?" meinte Chris, "Wir Bonbons werden doch
oft verschenkt. Und dann zack-zack schnell gegessen."
"Du nicht," sagte Glibby, "das ist ne
Qualifikationsstelle. Dissertation Voraussetzung. Aussicht auf
Habilitation."
"Wie jetzt?"
Glibby lachte ihn jetzt richtig aus.
"Pech für
Dich. Hast eben nie neben einer Lupe gelegen. Sag mal, weisst Du WIRKLICH
nicht, wer uns gekauft hat? Die schlimmste Patientin der Welt. Einer ihrer
Vorfahren, der Julius, hat mal´n Römisches Reich gehabt. Und sie hat davon
kein bisschen geerbt, außer dem Nachnamen, funktionslos gewordene Arroganz
und Dekadenz.
Hat seit Jahren die gleiche Krankheit mit den gleichen
Symptomen und der gleichen Behandlung. Darüber ist sie inzwischen
müde geworden, fachgerecht zu jammern. Statt dessen lacht sie. Und das in
der
SPRECHSTUNDE. Bei ´ner ÄRZTIN!
Jammern tut sie nur bei der armen Sprechstundenhilfe, und dann meistens
über so was wie Politik, Papierkram und das Wetter. Oder Grippe.
Ausgerechnet das Sprechstundenhilfen-Jammer-HASS-Thema GRIPPE.
Entweder vereinbart sie einen Termin und kommt zu spät, oder sie kommt
ohne Termin um 7:40 in die Praxis, dabei ist die Sprechstunde erst
um 8:00. Stell Dir mal vor, alle Patienten wären so."
"Und was hat die angebotene Stelle jetzt damit
zu tun?"
"Immer, wenn sie mal wieder besonders frech
gewesen war, gibt es von der Ärztin folgende Ermahnung:
Medizin sind keine Pfefferminzbonbons.
Dabei isst sie so was gar nicht, weil da Zucker drin ist. Stell Dir das
vor, Chris, die isst keine Pfefferminzbonbons, weil die ungesund sind. Und
dazu seit Jahren dieser Spruch.
Neulich wollte die Ärztin ihr sogar Durogesic Schmerzpflaster
verschreiben, um ihr damit endlich mal den Mund zuzukleben, aber sie hat
das noch rechtzeitig gemerkt.
Chris, wenn Du diese Stelle annimmst, dann wirst Du verschenkt. Fein
gemacht mit ´nem Doktorhut. Inner echten Arztpraxis. Vielleicht kannst Du
endlich mal was machen aus Deinem Leben. Du wirst verschenkt an eine
Ärztin, die keine Süßigkeiten mag. Na, was sagst Du?"
Chris nahm die Stelle an. Und wenn er nicht
a.) von dem inzwischen zum Weltkulturerbe
erklärten denkmalgeschützten Wasserrohrbruch fortgeschwemmt worden ist
oder
b.) mit 100 mg Diazepam präpariert, endlich
mal von einem Einbrecher gegessen worden ist,
dann schreibt er noch heute an seiner
Habilitation.
Angemessener Einsatz zeitgemäßen Zuckerwerks
zur illustrativ-kurativ angewandten Disanalogie als Katalysator der
Kommunikation Arzt/Patient.
© Alle Rechte verbleiben bei Franziska
Caesar
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Rolf Schälike
Dieses Dokument wurde zuletzt aktualisiert am 13.06.04
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