Diakonie - Dezember 2003 - Fassung nach Erstdiktat
Als ich den gut gekleideten Herren fragte,
ob ich ihn kurz stören dürfe, schien er von lähmender morgendlicher
Langeweile fast erlöst. Freundlich lächelnd wandte er sich mir zu.
Die bloße Erwähnung der Wörter "Kirchenzeitung" und "Diakonie" ließen
seine Gesichtszüge schnell wieder versteinern. Seine Reaktion ähnelte der
anderer Zeitgenossen bei der Erwähnung von Ungeziefer.
Die türkische Bedienung, ein zuvorkommendes
ca. 20jähriges Mädchen kannte nicht einmal dieses Wort. "Diakonisse,"
erklärte ich ihr, "ist so ähnlich wie eine Nonne, nur evangelisch". Ich
fragte das Mädchen, was sie von Diakonissen halte. Sie lächelte: "Keine
Ahnung, ich hab noch nie eine getroffen".
Selbst ein gebildeter Hamburger mittleren
Alters, der Interesse am Thema hegte, wusste darüber überhaupt nichts.
Genau so erging es mir. Bis ich Schwester
Dorothea traf.
Im Gegensatz zu den jungen Menschen, die sich in der Nähe des kleinen
Vorstadtbahnhofs trafen, um dort den Sommer zu vertrinken in günstiger
Lage nahe eines Kiosks und eines Supermarkts wirkte sie munter und
ausgeruht.
Erschöpft von irgendwelchen Parties, die
entweder gar nicht oder alle gleichzeitig stattfinden, raffte ich mich mit
letzter Kraft auf, der sympathischen Dame die Frage zu stellen, mit der
ich mich schon seit meiner Kindheit beschäftige. "Entschuldigen Sie bitte,
haben Sie einen Moment Zeit? Ich würde gerne wissen, wie Sie leben".
Sie lächelte mich an. "Klar habe ich Zeit.
Nur nicht jetzt. Ich möchte zum Gottesdienst".
Nicht wie ich damals im Konfirmandenunterricht, den ich nur deshalb als
Belastung empfand wegen des Pfarrers mit den Kontrollkreuzchen, die er den
Schwänzern schlicht verweigerte. "Dann werdet ihr nicht
konfirmiert", drohte er, "und dann geben eure Eltern euch kein Geld".
Bis heute weiß ich nichts über den Inhalt
dieser Gottesdienste. Mit der Tochter des Stadtdirektors unterhielt ich
mich über Tischtennis. Nach der Konfirmation besuchte ich ungefähr
zweihundert Gottesdienste verschiedener Kirchen und Konfessionen. Ein
einziges Mal sogar eine schwarze Messe, die ich nicht besuchen wollte,
sondern die ein Mann, der den Plan hatte, sich umzubringen, spontan
veranstaltete, um mir mit materiellen Tatsachen zu "beweisen", dass das
Böse stärker ist.
Damals betete ich, "Gott, Jesus, falls es
Euch wirklich gibt, gebt Euch kurz zu erkennen, gebt bitte irgendein
Zeichen, damit er sich nicht umbringt". Zu dieser Zeit war ich weder von
irgendeiner Religion überzeugt noch von dem Atheismus.
Im Moment des Gebets zersprang die Kette
aus 750er Gold, deren Glieder durchgehend geschmiedet waren und an der es
vorher befestigt war: Das Pendel aus Bergkristall.
Diese Kette hatte ich vorher selbst in der
Hand gehabt.
Eine zweite befand sich nicht im Raum.
Manipulationen waren dem Mann nicht möglich, da ich ihn ständig
beobachtete und er zudem nur über einen Arm verfügte.
Dies erzählte ich einer Kommilitonin. Sie
selbst hatte nicht das gleiche erlebt wie ich, jedoch etwas ähnliches,
dass in die gleiche Richtung wies. Das nachgewiesenermaßen geistig
gesunde, damals 24jähriges Mädchen, eine Arzttochter, die vor kurzem ihr
Fotodesign-Studium abgeschlossen hatte, berichtete, entgegen aller
Naturgesetze eine Pendel, dass vorher gerade herabhing, dabei gesehen zu
haben, wie es sich aufrichtete, bis es fast in der Waagerechten war. Das
Pendel hielt sie selbst locker in der Hand. Die Durchbrechung der
Naturgesetze (meiner Meinung folgen auch solche Phänomene Gesetzen, die
noch nicht genügend erforscht sind) erfolgte in dem Moment, als die
beteiligten Personen, ohne recht daran zu glauben, "schwarze Messe"
spielten.
Davon erschreckt, führten sie so etwas
danach nie wieder durch, ebenso wie ihre Freunde.
Derartige Phänomene sind für Schwester
Dorothea erklärbar so wie möglich, doch in Wahrheit nicht wichtig.
Wichtig dagegen ist für sie die nicht
materielle Welt, welche sich hinter dieser verbirgt. Zu dieser Überzeugung
kam sie durch Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges. Direkt nach dem
Krieg, damals 24 Jahre alt entschloss sie sich, Diakonisse zu werden, da
es für sie eine Lebensform ist, die ihrer geistigen Haltung entspricht.
Ihre Bildung bezog die mittlerweile 88jährige nicht nur aus der Bibel.
Sie verfügt über ein abgeschlossenes
Hochschulstudium im Bereich Sozialpädagogik. Besonders wichtig ist ihr das
Leben in Glaubensgemeinschaft mit anderen. Interesse hegt sie nicht nur an
Wissenschaft sondern auch an persönlicher Geborgenheit; an Weitergabe der
von ihr erlebten Liebe Gottes.
© Alle Rechte verbleiben bei Franziska
Caesar
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Rolf Schälike.
Dieses
Dokument wurde zuletzt aktualisiert am 30.12.03.
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