Franziska Caesar
die fenster waren verhängt
1.
die fenster waren verhängt. verstaubt schwarzer
schwerer filz hing hinunter hinter trüb schmutzig gewordenen dicken
stumpfen scheiben.
hunderte kleiner kratzer im lack der tür glitzerten regenbogenfarben in
warmer sonne. dort hing, als ein veraltet blinder spiegel das vergrößert
kopierte foto seiner selbst, wie es vor jahren in seinem paß gewesen war.
er sah sich noch eine weile selbst an in der vorstellung,
daß untergehende
sonne das papier rotgolden färbte. aber diese stand noch grell am himmel ,
das papier war weder verwittert noch vergilbt. er wünschte sich kühlen
wind.
"kommen sie doch. kommen sie doch hinein!"
ihm schlug moder entgegen. eine spur heller, etwas klarer, sahen ähnliche
augen ihn an, sehr ruhig glitzernde große graue augen.
leichter wind wehte. wind, der sand durch die lüfte wirbeln ließ, immer
höher feinen glühenden staub. helles haar.
sie sah ihn schweigend an ohne staunen.
eine hand reckte sich ihm entgegen: schlank, geschmeidig, etwas trocken.
sehr akkurat gepflegt die nägel.
-"henri? sie sind doch henri?"
um besser sehen zu können, strich sie sich dünne silbrig glänzende blonde
strähnen vom gesicht.
ihre augenbrauen waren fein geschwungene bögen, ungewöhnlich zart,
ungewöhnlich dunkel.
er griff nach dieser hand, die sich immer noch nach ihm ausgestreckt
gehalten hatte ohne zittern.
"ich muß mit ihnen sprechen. haben sie zeit? einen moment?"
2.
auf dem dunklen holztisch im nebenraum brannte eine kerze.
in schmale spalten zwischen vorhängen fielen scharf abgegrenzte, grell
verstaubte sonnenstrahlen. draußen hörte man verkehr.
sie bot ihm einen stuhl an. er schien alt, benutzt.
"henri? möchten sie etwas trinken?"
sie kochte duftenden zartblauen lavendelblütentee. beide rauchten
schweigend eine zigarette.
als glimmende asche erloschen war, kein rauch mehr aufstieg und nur
schwacher atem träge staubfasern langsam über den tisch wehte, sagte sie
ihren namen.
-"henri, ich habe eine frage. könntest du mir, bitte, helfen?"
"ich?"
-"es geht um ihn. denn du kennst ihn, nicht?"
"ich? nein. nicht sehr gut."
-"er spricht fast mit niemandem. er weiß, wer ihn zwingt, zu sein wie das
quecksilber: konturlos, formbar, weich. du nicht. das hat alles er
gesagt..."
henri schwieg.
-...du bist derjenige, der ihn zuletzt gesehen hat, bevor er... oder schon
danach?"
sie griff nach ihren zigaretten. hielt ihm die schachtel hin.
-"auch eine?"
"danke. bevor was?"
-"genau das möchte ich wissen."
3.
-"mein bruder hat sich verändert. ohne vorherige anzeichen, ohne
erkennbaren grund. ohne auch nur über die straße zu gehen wegen der gefahr,
absichtslos beliebige zu töten, verschließt er sich vor licht, dem hören
fremd gesprochener worte, dem anblick lange bekannter menschen.
statt von selbst zu essen, läßt er sich dazu zwingen, wenn
überhaupt. man
erwägt infusionen."
ohne weiteres könnte man ihn fesseln an sein bett, an seinen wahn, wenn es
denn einer ist.
das leben würde schon eindringen scharf gestochen mit blanker stahlspitze
unter seine haut, man wartet ab, vielleicht will er später wieder leben.
vielleicht gibt es gerade wegen des übermächtigen zwangs, der verpflichtet
ihn leben zu lassen, der auf ihn selbst übergreift, nicht die geringste
spur eines entkommens.
4.
als sie hinausging, um noch tee zu holen, stand er auf, vorsichtig, und
schlich sich durch den kahlen grauen flur.
nichts war abgeschlossen, die klinke ließ sich geräuschlos bewegen mit
abdrücken vom schweiß der fingerspitzen auf kaltem metall.
es roch nach abgestandenem grauem staub.
hinter der tür war es dunkel, verhängt. ein schwarzer verschlag ragte auf,
aus schwerem holz, beschlagen mit blank poliertem messing.
-"henri, du wirst nichts sehen."
er fuhr herum. sie stand hinter ihm, lächelte ihn an.
-"oh, es wird übrigens zeit. wir sind bald beschäftigt."
"wir? ist er hier?"
sie legte auf seinen rücken eine schlanke hand und schob ihn richtung
ausgang.
"komm` mal wieder vorbei. nett, daß du uns besucht hast."
-"danke, gern, übrigens: ist mein rucksack noch hier?"
"ah, achja, das war deiner. er ist in der reinigung. er war leider ein
wenig... hol` ihn doch bitte ab, in den nächsten tagen, ja?"
kaum allein, inspizierte isabelle noch einmal den inhalt.
henri ging langsam die straße hinunter.
er sah kurz in die sonne.
für einen moment war er fast blind, aber er ging einfach weiter.
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Rolf Schälike
Dieses Dokument wurde zuletzt aktualisiert am 25.10.03
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