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erzählungen f. caesar

Franziska Caesar - 1986 (Revision 2004)

Embryo

Er war ein außergewöhnlich intelligenter Embryo.
Viel früher als andere fing er an nachzudenken: über sich, seine Herkunft und seine Welt.

Lässig schwamm er in gluckerndem, warmen Wasser, hörte von von Ferne Stimmen und fing an, einzelne Worte zu verstehen.

Sein größtes Vergnügen war, am Daumen zu lutschen und sein eigenes Wachstum zu beobachten, dass immer rascher vor sich ging. Auch sein Gehirn wuchs von Tag zu Tag, stellte er mit Freude fest. Durch monatelanges Zuhören hatte er die Sprache der Menschen gelernt.
"Du wirst es abtreiben, ich kann einfach nicht mein ganzes Leben an den Nagel hängen, nur weil ein dummes Baby brüllt und gefüttert werden will. Du hättest MICH fragen müssen, bevor du zu Samenbank rennst."

Die Mutter erschrak. Er spürte es ganz genau. Schließlich war er mit ihr durch die Nabelschnur verbunden. So schlimm war er doch gar nicht. Er war leicht zu tragen, und auch wenn er täglich wuchs, war es noch gut auszuhalten.

Er dachte weiter nach, und plötzlich durchzuckte ihn eine Erkenntnis: Er würde nicht immer bleiben, wo er jetzt war. Irgendwann würde seine Mutter keine Kraft mehr haben, ihn herumzutragen und ihn so lange quetschen, bis er in die Welt glitschte. Eine komische Vorstellung, die Welt. Sicher wusste er, was die Worte der Menschen bedeuteten, doch er hatte noch kein Stück von der Welt gesehen. Neugier vermischte sich mit Angst, und von diesem Augenblick dachte der Embryo über nicht anderes nach als die Welt.

Eines Tages, als er gerade wieder Daumen lutschte, erfuhr er, dass die Welt ziemlich zerstört war, und dass jeder  Dinge tun musste, die er nicht wollte.  Dieser traurige Zustand wurde von den Menschen "Arbeit" genannt.
"Wenn alle... dann muss ich das ja auch," stellte der Embryo mit Erschrecken fest, "Und was ist, wenn ich nicht will, was dann?" Er überlegte lange weiter, doch darauf konnte er keine Antwort finden, so sehr er sich auch anstrengte.

Nach einiger Zeit erfuhr er, was Hass bedeutet. Der Körper seiner Mutter bewegte sich ruckartig und dumpfe Geräusche waren zu hören. "Nicht schlagen," wimmerte ihr Freund. Dann wurde er wütend.
"Es war war nur einmal, Marta, ein einziges Mal, ich hab´s doch vorher noch nie gemacht und ich hatte was getrunken. Versteh´ mich doch, ich wollte es gar nicht, aber es ist einfach passiert. Nimm das doch nicht gleich so krumm. Wir leben nicht im Mittelalter!"

- "Du lügst, du treibst es doch mit jeder, die einigermaßen gut aussieht, die dir über den Weg läuft, du Hurensohn! Zum Glück bist du von meinem Kind nicht der Vater!"
Sie heulte und schlug weiter auf ihn ein. Der Embryo lachte; ein zynisches, kaltes Lachen, das er vorher noch gar nicht gekannt hatte. Wie waren die Menschen doch dumm und primitiv.

Als die Mutter aus dem Krankenhaus kam, weinte sogar der Vater, auch wenn er vorher gegen das Kind gewesen war. Sie hatten das tote Kind wenigstens einmal sehen wollen, doch die Ärzte bedecken es mit einem Tuch, weil sie meinten, der Anblick sei unerträglich.

Kurz vor der Geburt war er noch kerngesund gewesen. Um den Hals trug der Totgeborene eine sorgfältig geknüpfte Schlinge.

© Alle Rechte verbleiben bei Franziska Caesar

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Dieses Dokument wurde zuletzt aktualisiert am 10.07.04
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