Das Leben ist ein Gebrauchsgegenstand - 2005 Von diesem Schultag hatte ich vorher nicht gewusst, dass es der vorerst letzte sein würde. Wir saßen um einen grünen Tisch des sonderbar riechenden Physiksaals. Ich nahm mein letztes, zerfallendes Papiertaschentuch und schnäuzte mich damit. Es lief an mir herunter: durch Löcher aus Fetzen, zwischen meinen Fingern quoll es hervor. Die anderen, sauberen, alle Regel befolgenden sahen mir zu. "Warum sagst Du nicht, Du möchtest ein
Taschentuch?" Ich will nicht mehr zurück. "Franziska, ich muss bald fort." "Du musst nicht mehr zur Schule. Du kommst nach Lüneburg. Sie werden sich um dich kümmern, es dauert nicht lange. Drei Tage, vielleicht auch fünf. Und nimm dein Fahrrad mit." Ein Fahrrad für fünf Tage. "Nein, es ist kein Krebs." Sie kam zurück nach Wochen. Gebeugt, gealtert, hager, mit Verband. - "Mama, es WAR doch Krebs?" Sie zögert. Man hat sie ihr weggeschnitten, die ganze Brust. - "... Doch Krebs?" "Ja, so nennt man das." Ich kann nichts als schweigen. Auch als sie es verheimlicht, dass neue Wuchern von Geschwülsten, und ich es längst weiß. "Franziska, ich habe einen Arzt." Empfohlen von ihrer besten Freundin, die, getrieben von Angst vor wuchernd bösartigen Geschwülsten, sich ihm anvertraute, um am Ende nichts zu hören als seine sanfte, beruhigende Stimme: gutartig. Mama hatte sie beneidet´. "Der Arzt möchte dich sehen." Er ragte vor mir auf. Groß, dunkel, ich
zuckte zusammen. Er griff nach meiner Hand, die ich ihm nicht geben
wollte, und quetschte sie kurz. "Klag ihr Kind über Kopfschmerzen?" "Mama, gehe nicht mehr zu diesem Arzt, der ist böse. Ihre beste Freundin ließ sich nicht operieren, weil er ihr versichert hatte, alles sei gutartig. So lange, bis es das wurde, wovor sie immer die größte Angst gehabt hatte: bösartig. Dann war alles zu spät. Hatte der Arzt ihr gesagt. Ein letztes Mal fuhren wir zusammen in Urlaub. Da war sie schon zum baldigen Tod bestimmt und wollte nichts davon wissen. Mama zwang uns zum Bergwandern. Wir beide
taten lieber nichts. Als Mama Pause hatte von ihren
Chemotherapien, besuchte sie Christiane ein Jahr späte im Krankenhaus. Ich
wollte mit. Zusammen freuten wir uns an saftigen
Honigmelonen. Diese Tag war das letzte Mal, dass ich sie sah. "Wie geht es ihr?" Sie glaubten ihm alles, dem Arzt, der oft sinnlos das Abschneiden von Brüsten angeordnet hatte. Der gut reden konnte - überzeugen - gerade die Menschen voller Angst. Ich erinnere mich an das muffig riechende Wartezimmer mit der Patientin in einem erbsengrünen Kleid. Passend zu blass rankenden Pflanzen. Der Anblick wuchert immer weiter in den Metastasen meiner Träume. Träume von Dr. Uno Bremme. © Alle Rechte verbleiben bei Franziska Caesar
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Rolf Schälike |