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erzählungen f. caesar

Franziska Caesar - 1987 (Revision 2004)

Heilandsbrück

"Nehmen wir sie mit?"

Damit war wohl ich gemeint, denn kurz darauf nahm mich die ältere Dame an die Hand und ging mit mir zum Auto. "Wo fahren wir hin?" fragte einer aus der Gruppe.

"Du weißt es doch!" antwortete die Dame.

Sie fuhr uns zu einer Brücke. Mit einer gewissen Freude fuhr sie jeden Einzelnen von uns dort hin. Niemand sonst hier hatte ein Auto, und sie schien es zu lieben, Gutes zu tun. Damals dachte ich noch, es wäre gut.

Würde mich jemand fragen, was die Brücke sei, wäre meine Antwort folgende: Die Brücke steht auf sechs steinernen Pfeilern in einem Fluss. Die Pfeiler sind im Flussbett verankert, und über der Verankerung bis weit unter die Außenwand des Innenraumes steht das Wasser. Das heißt, eigentlich fließt es, aber als ich da war, herrschte der Winter und das Wasser stand - steif gefroren - still.

"Wieso haben Brücken Innenräume?" wunderte ich mich.

"Damit sich unsere Gemeinde darin versammeln kann!" erklärte die ältere Dame, die übrigens sehr adrett geschminkt war.

"Wer außer uns benutzt die Brücke noch?" war meine nächste Frage.

"Niemand," die Antwort.
"Niemand? Geht keiner über die Brücke, fährt keiner über die Brücke, stellt sich keiner darauf, um den Fluss oder die Stadt von oben zu sehen?"
"Nein, das nicht. Das alles nicht, verstehst du?"
Ich drehte meinen Kopf langsam von rechts nach links und dann wieder zurück.
"Gut, ich will es dir sagen," lehrte sie, "du bist ja noch neu bei uns. Die Brücke ist ein Symbol. Ein Symbol dafür, dass Jesus die einzige Brücke zu Gott ist."
Ich fand die ganze Idee originell und überspannt.

Was Spannung versprach, war der Zugang zum Innenraum. Wie sich herausstellte, hatte die Brücke nämlich keine Verbindung zum Ufer. Wir mussten über das gefrorene Flusswasser bis zu einem der beiden mittleren Pfeiler gehen. Das Eis federte, gab etwas nach, knirschte und hielt trotzdem.
Als alle um den Pfeiler versammelt waren, öffnete ein weißhaariger Mann feierlich die Tür, die in den Pfeiler eingelassen war.
Sie befand sich mehr als einen Meter über dem gefrorenen Wasserspiegel, aber das machte nichts, weil man sie mit einer Leiter erreichen konnte.

"Wenn das Wasser fließt, "erklärte die ältere Dame," fahren wir mit Booten zu unserer Brücke."
Wir alle gingen hinauf und quälten uns über die steile, enge Wendeltreppe, die den ganzen Pfeiler durchzog. Der Gemeinderaum, den wir danach betraten, war eine angenehme Überraschung. Von oben bis unten war er mit Holz vertäfelt. Es gab sogar ein funktionierendes Telefon. Jedenfalls höِrte ich, als ich den Hörer abhob, ein langgezogenes Tuten. Da fing auch schon die Gemeindeversammlung an.
Bis jemand anfing zu schreien, da höِrte sie wieder auf.

"Jesus zu Hilfe!" schrieen zwei Frauen, "Herrgott, der Pfeiler brennt." Alles wurde schlagartig still. Dann wiederholte die ganze Gemeinde im Chor: "Der Pfeiler brennt, der Pfeiler brennt." Und alle Menschen fingen an, nach rechts, nach links, im Kreis und durcheinander zu laufen. Nur ich nicht, ich lief zum Telefon und wählte 1-1-2.

"Hallo?" brüllte ich in den Hِörer. Ich hasse es zu brüllen, doch manchmal ist es notwendig. Bei dem ersten meiner Telefonate jedoch nicht. "Kein Anschluss unter dieser Nummer," sagte eine freundliche Stimme, bei der ich mir eine blond gelockte, künstlich lächelnde Frau vorstellen musste. Ich bemühte mich, dieses Bild wieder aus meinem Gehirn zu werfen.

Noch einmal wählte ich die Nummer, und diesmal richtig.
"Feuerwehr!" schmetterte eine kernige Männerstimme diensteifrig. "Wer ist da?"
"Hier ist Arina. Arina Jakobsen."
"Wo sind Sie? Was wollen Sie?"
"Bei uns ist Feuer. Ein Pfeiler brennt."
"Ein Pfeiler brennt, ein Pfeiler brennt' wiederholte die blonde Frau in meinem Gehirn."
"Ein Pfeiler wovon?" fragte der Feuerwehrmann.
"Von unserer Brücke."
"Von welcher Brücke?"
"Ich weiß nicht, wo sie ist und wie sie heißt."

"WO IST UNSERE BRÜCKE UND WIE HEISST SIE?" rief ich in den Saal.
Die Antwort, die keine war, bestand aus einem panischen Geschrei.
"Weiß nicht," gab ich zu. "Aber Sie müssten den Ort kennen. Die Brücke wird weder befahren noch begangen, doch im Innenraum ist jeden Donnerstag eine christliche Gemeindeversammlung."

"Ach so, alles klar!" meinte der Feuerwehrmann. "Heute ist aber nicht der erste April," und er legte auf.
Die Feuerwehr half uns nicht, also mussten wir uns selbst retten.

"Ich springe aus dem Fenster," sagte die ältere Dame. „Der Pfeilerbrand ist ein Zeichen. Der Heiland möchte, dass wir sterben, and ich will ihm ein gehorsames Schaf sein."
Sie öffnete das Fenster und lehnte sich weit hinaus. Sie sprang noch nicht nach unten, damit die Gemeinde Zeit hatte, sie zu bewundern. Zeit hatte ich auch, bloß keine Lust.
"Bevor ich so ende, kämpfe ich mich lieber durch die Flammen," rief ich, "wer noch?" Niemand noch. Also ich allein.

Vorsichtig und schnell öffnete ich die Tür zur Wendeltreppe.
Immer zögernder ging ich nach unten und roch nicht mal Rauch. Ich machte die Außentür von innen auf, trat nach draußen auf das Eis, und es brannte gar nicht. Das wunderte, freute mich und ich staunte. "Bestimmt sehe ich jetzt so verblüfft aus wie ein Schaf," dachte ich. "Schaf - Schaf - gehorsames Schaf - Moment!"

Ohne auszugleiten lief ich unter der Brücke hindurch, bis ich unter dem Fenster stand, aus dem sich immer noch die ältere Dame beugte.
"Entschuldigen Sie!" brüllte ich und winkte, "sie brauchen nicht zu springen, es brennt nicht."
"Was sagst du da? Es brennt nicht? Du kommst vom Satan, der dich geschickt hat, mich zu verwirren!" Sie drehte sich nach innen und wiederholte der Gemeinde:
"Vom Satan, um uns zu verwirren!"
"JA! SATAN! VERWIRREN !" hörte ich von oben die Gemeinde schreien.
" Nicht mit mir, ich lasse mich nicht in die Irre leiten!" rief die ältere Dame, "Jesus, Heiland, ich werfe mich in Deine Arme!"
Sie warf sich aus den Fenster.

Ihr Körper schlug dumpf auf das Eis, rutschte ein kleines Stück und kam direkt rechts neben mir liegen. Er lebte noch ein bisschen. Ich wollte der Dame erste Hilfe leisten, eilte zu ihr, doch sie hauchte: "Weiche von mir, Irrlehrerin!" und starb. Vielleicht aus Trotz.
"Vorsicht!" schrie jemand von oben. "Ich springe, Irrlehrerin! Weich zur Seite! Weich zur Seite, denn ich möchte dich nicht töten, in der Heiligen Schrift  steht, man darf nicht töten!" Ich wich nicht zur Seite, damit dieser Mensch nicht sprang.
"Es brennt doch nicht!" rief ich! "Hörst du, dass keine Flammen knistern und riechst du, dass es nicht raucht? Kein Pfeiler brennt!"
"Beweise!" horte ich die Stimme von oben, "ich will Beweise!"
"Ich bin der Beweis. Schau doch, wie schön ich lebe. Auch ich war vorhin oben bei euch. Als ihr sagtet, der Pfeiler brennt, war ich immer noch dort im Gemeinderaum. Durch die Flammen wollte ich mich kämpfen, und es waren keine da! Ich konnte einfach nach unten gehen."

"Keine da! Keine da!" kam es wütend von oben. "Du bist mit dem Teufel im Bund und kannst dich heil durch die Flammen hexen. Wir kennen solche wie dich."

"Dann seht es Euch doch an. Überzeugt Euch selbst, dass es nicht brennt. Kein Pfeiler brennt!"
"Und warum ist dann die Dame dort unten dahin gesprungen, wo sie jetzt liegt?"
"Es war ihr Fehler."
"Sie macht nie Fehler! Ich springe!" Der Mensch entschied sich zu springen, obwohl ich nicht zur Seite gewichen war. "Dann töte ich dich eben. Wenn du keinen Platz machst, springe ich dich tot und kann nichts dafür."  Er sprang, und statt zur Seite zu weichen, rannte ich so schnell wie selten sonst. Eine Weile versuchte ich noch, die Menschen zu warnen und ihnen zu zeigen, dass es stimmte. Sogar nach oben in den Gemeinderaum ging ich zurück, um sie zu überzeugen. Sie bildeten einen furchtsam weiten Kreis um mich und kreischten: "Weiche von uns, Satanische!" , wonach sie sich aus allen Fenstern stürzten. Auch das Telefon warfen sie mit nach unten. Ich gab auf und ging die Wendeltreppe hinunter. Möglichst schnell öffnete ich zum letzten Mal die Außentür und rannte dann über die Eisfläche, um mich vor den von allen Seiten prasselnden Körpern zu retten. Ich suchte eine Telefonzelle, fand sie und rief den Notdienst. Als er kurz darauf an Ort und Stelle war, konnte er nichts anderes mehr tun, als Leichen vom Eis zu sammeln. Nur in einem der Selbstmörder steckte noch ein Rest Leben.

"Sag, warum habt Ihr Euch alle umgebracht?" fragte man ihn.
"Das wisst Ihr nicht?" schmunzelte er und brachte das letzte
Grinsen seines Lebens zustande. "Es ist doch ganz einfach: Der Heiland wollte uns ins Paradies abrufen."
"Ach ja, ins Paradies. Warum das? Wieso gerade Sie?“
"Wir sind auserwählt."
"Hä?"
"Wir sind doch die Zeugen Go...!“

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Dieses Dokument wurde zuletzt aktualisiert am 15.08.04
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