Fra
- 1994, Revision 2005
Eine Lähmung
gewidmet Karl Kerner und seinem Bruder
Walther
"Warst Du jemals richtig besoffen?"
- "Nicht wirklich. Besoffen sind Leute, wenn sie hilflos auf dem Boden
kriechen. Ich komme bloß bis 'stark angetrunken', dann muss ich sofort
kotzen. Hauptsache, ich weiß immer genau, wie ich handle, treffe die beste
Entscheidung; mein Hirn speichert jedes Detail."
geboren wurde er im jahr
neunzehnhundertvierzig. fünf erste lebensjahre: krieg. alle kinder sitzen
und warten in bunkern. darauf, dass der vater zurück kommt, der bombenangriff vorbei
ist, sich etwas ändert.
ich rannte entlang einer straße, nachts, in
hamburg. es war kalt,
gerade mal anfang februar.
scheiße, dachte ich, ich werde es schon schaffen.
vor einer blanken schwarzen scheibe, blieb ich stehen, um es zu sehen:
mein blasses gesicht in der dunkelheit. es sah nach etwas aus: müde, aber
entschlossen.
kurz vor weihnachten saßen wir am langen
tisch im wohnzimmer: meine mutter, mein onkel, meine tante und ich. die
tischdecke war orange, aus polyacryl. ich habe sie öfter gesehen als die
gesichter.
"so," sagte mein onkel, "du willst also ausziehen? wie stellst du dir das
vor? du bist seit fünf wochen sechzehn."
ich nickte.
"ich war länger allein im Urlaub, ich hab´s überlebt, und, ich krieg`
sowieso das geld von meinem vater nicht von euch, von ihm.
und ich teile mir das alles selbst ein."
"muschi, das ist doch was anderes, ich mach` mir sorgen um dich."
meine mutter drehte den kopf in meine richtung, aber sie sah mich nicht an. sie sieht einen nie direkt an, weil
sie den blick nicht aushält. Meiner ist trainiert mit Spiegelbrille.
"was willst du überhaupt in hamburg?"
"weißt du doch, auf die Fachoberschule für grafikdesign."
"das kannst du doch auch studieren, später,
nach dem abi." "nein," sagte ich, "kann ich nicht, wenn ich`s richtig
machen will, muss ich JETZT anfangen." "wieso?" fragte meine tante, "wieso
denn?"
- "Hier gibt´s keinen Kunstprofessor." Nur einen Alkoholiker, der so tut;
nicht einmal Fotos abzeichnen kann; Frauen versucht, betrunken zu machen,
was diese gerne annehmen, um sich, bevor sein Geschlechtstrieb ausbricht,
möglichst schnell fachgerecht zu entfernen.
"nein," sagte meine mutter mit ihrer harten
stimme.
"du bist minderjährig, was du tust, bestimme ich. du machst dein abitur."
sie starren mich an, mein onkel, meine tante, nur meine mutter glotzt auf
die wand; den fleck neben meinem kopf.
"nein," sage ich leise, fast wie ein flüstern, "ich mache es jetzt oder
gar nicht. wenn ihr mir das jetzt verbietet, werdet ihr euch
wundern. wenn keiner mehr damit rechnet"
"ich kenn´ einen," sagt meine tante, "der
hat auch abitur gemacht, er hat die ganze zeit zeichnen geübt, und dann
haben sie ihn genommen."
wir haben lange geredet, ich habe auf diese
tischdecke gestarrt, abgewetzt ist sie, wir haben sie, solange ich denken
kann.
"gut! ja! gut! mach` ich eben das abitur,
aber, BITTE, ladt mich wenigstens hier weg."
"wenn du sowieso dein abitur machst, kannst du hier ja bleiben."
"verdammt`! ich halt`s hier nicht aus! in soltau!"
diese graue, viel zu kleine, leere stadt,
in der man von anderen nur das weiß, was man über sie redet. und nicht
einmal das annähernd perfekt.
oft regnet es, und ich werde nass, weil ich
nicht weiß, wo ich hingehen soll, in den kneipen und geschäften ist zu
warme stickige luft.
"so schlimm ist es doch nicht."
"aha," mein onkel schüttelt den kopf, "rotraudt hat mir erzählt,
daß dir hamburg nicht gut bekommt, gar nicht gut." meine cousine.
"so? was hat sie erzählt?"
"du lernst fremde leute kennen, sagst nicht, wo du hingehst,
und kommst nach zwei tagen wieder." "leute kennenlernen,
leute kenn`lern, leutekennlern," meckert meine mutter, "du hast nichts
anderes im kopf."
"was tust du überhaupt?" fragt meine tante, "mit deiner ganzen zeit?"
"ich? nichts. ich geh´ zur schule, ich bin nie betrunken, ich nehm´ keine drogen - was wollt ihr
denn noch alles?..."Dass ich meine Freundinnen und Freunde verjage, damit
keiner mehr euer lange ausgeleiertes leben stört? "...ihr könnt mir ja
Blut abnehmen lassen. drogen? wirklich keine."
"du kennst aber leute, die drogen nehmen."
ich grinse.
"genau aus diesem grund nehm´ ich ja keine."
mein onkel sah auf die uhr, mit einer
eckigen bewegung seiner knochigen hand.
"ich weiß, wie dein vater war," sagt meine mutter.
ich grinse sie nur an.
"ich nicht."
meine tante sieht ein wenig traurig aus.
"du willst ihn kennenlernen, oder?"
"genau, bald, ich habe die adresse nicht, aber es ist in berlin.
morgen nimmt mich jemand mit."
-"wer?"
ich gähne.
"Außendienstler. mitfahrzentrale. führerschein ist kontrolliert."
- "was? du kennst den nicht mal? hast du den etwa noch nie gesehn´?
nachher vergewaltigt er dich noch!" "es besteht absolut keine gefahr.
dafür bin ich zu hässlich." hut, mantel und stechschritt lassen mich
wirken wie einen mann.
die frau, von der ich nicht weiss, warum ausgerechnet sie mich geboren hat, presst die lippen zusammen, bevor sie sagt:
"du fährst nicht mit wildfremden leuten mit!"
-
"aber da passiert nichts, die zentrale hat doch den ausweis."
"überhaupt. du fährst nicht zu deinem vater völlig allein."
-
"wieso denn nicht?"
"am besten, es passiert an einem öffentlichen ort. ein café. du nimmst
karl mit."
ich stelle es mir vor. ein besonders nettes
cafe, mit rosa tischdecken, schwatzenden damen und klappernden
kaffeetassen.
dazu mein vater, von dem ich nicht weiß, wie er aussieht.
karl sitzt daneben, der jugendfreund karl, den ich meiner mutter einmal
vorgeschlagen hatte zu heiraten.
jeden tag raucht er nur eine einzige zigarette, marke kent.
er wollte mir einen segelkurs bezahlen, doch meine mutter hatte angst, ich
fiele ins wasser.
da gab er mit privatstunden, meine mutter mussten wir leider enttäuschen.
weder fiel ich ins wasser, angst hatte nur sie, noch kam sie zu wort.
"hast du gehört, du nimmst karl mit."
"ja-ja. und´n Polizisten mit ´nem schäferhund."
"FRA!"
"DEINE MUTTER HAT KREBS GEHABT."
"dieser Zynismus."
DEINE MUTTER HAT KREBS GEHABT!
"wie kannst du nur so kalt sein."
KREBS HAT SIE GEHABT, UND DAS TUST DU IHR AN.
"so gefühllos..."
ich fange an zu weinen.
"aber ich will doch nur..."
"immer willst du was. denk mal an die anderen."
mein onkel sieht auf die uhr.
"wir fahren jetzt."
ich stehe auf.
"halt!" sagt meine mutter.
"wo ist dein ausweis?"
"wenn du mir den ausweis nicht gibst, dann...
sonst überleg` ich`s mir nochmal, mit der schule für grafik-design. also
gib ihn her."
"antworte, wenn ich mit dir rede, wo ist dein ausweis?"
"du brauchst deinen ausweis, nicht? sonst kommst du nicht über die grenze,
nach berlin."
"ich weiß, sie hat ihn in der tasche." man hält mich fest. man nimmt ihn
mir weg. ich weiß nicht, wer es ist, ich erinnere mich nur an das klammern
trockener hände.
mit meinem onkel und meiner tante fahre ich nach hamburg.
es ist schon dunkel.
"mein vater war doch mal bei euch, wie..."
"nur kurz, er hat geraucht, und die asche dabei fallenlassen. egal, wo er
war."
"sie hat nie von ihm erzählt, und wenn, hat sie das wichtige weggelassen."
meine tante sagt:
"als christ muß man seine eltern lieben."
"franziska," fragt meine freundin bianca,
"kommst du mit über weihnachten?"
zu ihr nach Osnabrück, auf den bauernhof. sie fahren alle.
"ich darf nicht, meine mutter hat`s verboten."
"aber du fährst trotzdem, nicht? du machst ja immer, was du
willst."
"diesmal nicht, sie hat gesagt, wenn ich nicht fahre, überlegt sie
sich`s nochmal, vielleicht darf ich dann ausziehen."
weihnachten. wir sitzen nebeneinander auf
dem häßlichen kargen sofa, meine mutter und ich, kein anderer. auf den
künstlichen christbaum aus holzlatten hat sie kleine tannenzweige
gebunden, es sieht dann echter aus. "fröhliche weihnachten!" "ja-ja."
sie schenkt mir ölfarben, sechs kleine tuben, das stück für drei mark
fünfzig.
"den pinsel kannst du dir selber kaufen, den versaust du ja doch wieder,
ich sehe nicht ein, daß ich für deine verschwendungssucht auch noch
bezahle."
auf dem tisch steht ananassaft mit weißwein.
"trink` den lieber gemischt," sagt mutter, "das ist sonst zu viel
alkohol."
es sind sehr große gläser, ohne stiel,
mundgeblasen und verziert mit farbigen Ornamenten, eigentlich keine
Weingläser, aber meine mutter - sowas bedenkt sie nicht.
als sie aus dem räum geht, gieße ich mir eiu. ich trinke schnell
und stelle die fast leere f lasche rieben das sofa.
sie kommt wieder.
sie sagt was.
ich höre nicht zu.
ich gehe sehr lange allein mit dem hund spazieren.
am nächsten tag, mittags, weckt sie mich.
mal, hast du gestern allein die ganze flasche..."
"ja."
"das ist aber ..."
"und? war ich etwa betrunken?"
"nein, aber... das ist nicht gesund, du bist doch erst. . . "
ich brülle: "laß` mich schlafen. . .geh` raus, HAU AB!"
später sitzen wir uns gegenüber.
"wenn du grafikerin werden willst, mußt du was tun. du mußt üben. ich
setz` mich jetzt hier hin, ich sitz` auch ganz still, und du kannst mich
zeichnen."
"ich will dich nicht zeichnen, ich will auf
die fachoberschule für grafik-design."
"wenn du nicht übst, meinst du`s sowieso nicht ernst, dann ist die sache
gleich gestorben."
ich nehme einen stift. ich nehme das papier.
die rückseite eines alten briefs hat sie mir hingelegt, man muß klein
anfangen und sparen.
eine art hexe zeichne ich, mit verkniffenem
mund und großen eulenaugen. ein paar schiefe striche, ohne jede proportion,
auf vergilbtem papier.
abends kommt besuch, der leicht stotternde,
schwule sohn des friseurs. er ist feingliedrig und dunkelhaarig, trägt
eine schmal umrandete brille. ich sitze auf dem sofa und zeichne fotos aus
einer zeitung ab.
"nein," sagt meine mutter, "nicht so genau,
du mußt überall ganz viele feine striche machen, daß man die einzelnen gar
nicht mehr sieht, und nichts wegradieren, hier, nimm den filzstift."
gut, viele kleine striche, wie sie gesagt
hat. vielleicht läßt sie mich dann auf die verdammte schule.
"was machst du da?" fragt carsten, der besuch, und beugt sich zu
mir hinüber.
"sie übt schon," sagt meine mutter und lächelt, "sie will nämlich
grafikerin werden."
"zeig mal ."
ich reiche ihm das blatt. ich finde es selbst häßlich. er grinst.
"da mußt du aber noch üben."
"ich weiß!"
"musikalisch," sagt meine mutter, "ist sie auch, gestern haben wir
vierhändig weihnachtslieder gespielt, komm, wir spielen dir mal
was vor ."
"muß das sein?"
"los komm. "
ich setze mich an das klavier, sie sich an
den konzertfIügel.
steht so groß im Wohnzimmer, da kaum noch platz ist.
wir fangen an, natürlich kann ich nichts.
carsten lacht.
"naja," sagt er, "da mußt du wohl auch noch üben."
ich fange an, ihn zu mögen.
"stimmt," sagt meine mutter, "gestern war sie besser."
weiß ich auch, ich sage nichts, das geht sie nichts an. klavierspielen,
ganz sicher, nicht den falschen ton treffen kann ich nur, wenn ich
getrunken habe.
sylvester, abends liege ich auf dem sofa
und trinke gin. ein spielfilm läuft im fernsehen, alle sagen etwas, es
geht sehr schnell, es geht mich nichts an.
draußen gehe ich zur telefonzelle. "auskunft,
guten abend . "
"ich hätte gern die nummer von rolf caesar,
CAESAR, in berlin. "
"kuno-fischer-straße vierzehn?" "ja, ich glaub´ ja."
vor siebzehn Jahren hat er dort gewohnt, es stand in der alten akte, die
meine mutter jetzt weggeworfen hat. man sagt mir die nummer. ich behalte
sie, ohne etwas aufzuschreiben.
märz. sie läßt mich nicht auf die schule,
es steht fest.
an einem nachmittag wähle ich die nummer meines vaters.
"hallo?" eine sehr tiefe stimme.
"ist da rolf caesar?"
"ja."
"tag. ich bin deine... ihre tochter."
"ja? schön! ich hab` gewußt, daß du mal anrufst."
berlin. das haus ist groß , alt und schön,
nicht so grau und häßlich, wie meine mutter immer gesagt hat.
CAESAR, ich drücke auf die klingel. es summt, ich gehe durch den großen,
dunklen flur, bleibe stehen vor der grau gestrichenen wohnungstür. sie
öffnet sich.
ich sehe ihn und zucke zusammen, er sieht
aus , als ob er mich nicht sieht, auch wenn sein blick in meine richtung
flackert, weit entfernt, aus einem sehr dunklen loch.
seine augen sind braun, ein ganz bißchen grünlich, wie meine.
"hallo!" wir geben uns die hand .
"du bist franziska?"
"ja."
er kratzt sich am kopf, stellt einen fuß auf den anderen.
"naja, komm doch erstmal rein."
in der großen wohnung sind persische teppiche und alte möbel. meine mutter
hat gesagt, er wohnt in einer wohngemeinschaft. hinter ihm erscheint eine
frau, blond, mit unsympathischem
zerlebtem gesicht, herabhängenden brüsten und zu großer nase.
"das ist meine frau."
sie streckt mir die hand hin.
"ich bin die margit."
in ihren braunen rehaugen ist angst.
"willst du wein?"
sie riecht nach alkohol.
"klar, gern."
mein vater schaut mich an und weiß nicht, was er sagen soll. ich auch
nicht.
er ist ein wenig größer als ich, seine haare sind dunkel, schlecht
geschnitten und schlecht gekämmt. rasiert hat er sich auch nicht.
"ich hab` grad` urlaub, zwei tage noch."
er zappelt unter meinem blick.
er dreht sich um zu der frau, die mit dem wein kommt. ein zipfel seines
blauen t-shirts hängt aus der trainingshose.
wir trinken.
wir spielen auf seiner orgel. er hat sie selbst repariert.
"ich laß` euch jetzt allein," sagt seine
frau.
"ihr wollt sicher noch was reden."
sie geht aus dem zimmer und nimmt die flasche mit.
wir setzen uns in die küche.
"du brauchst mich nicht papi nennen, das ist irgenwie vorbei.
sag zu mir einfach rolf."
"O.K., rolf."
hier ist noch wein,"prost."
abends gehen wir essen, beim griechen.
seine frau wird so betrunken, daß sie nicht mehr kann. im dunklen raum,
wir sind die letzten gäste, schiebt er mir ihr glas zu. ich trinke es, wir
gehen.
bevor die frau uns umfällt, nehmen wir sie
in die mitte. rolf kommt auf die idee, in die disco zu gehen. der
türsteher schaut sie kurz an und schüttelt den kopf. zu besoffen, sie
fängt an zu schimpfen, nichts zu machen. wir nehmen ein taxi.
mein vater lacht, als sie schläft, verzieht
er den mund: "eine flasche, und die ist knülle, mein häschen verträgt
nämlich keinen wein."
das taxi fährt durch die dunklen straßen,
ich sitze darin, mit meinem vater, den ich vorher noch nie gesehen habe,
wir sehen uns an und fangen an zu lachen, leise, damit sie nicht aufwacht.
geschämt hat sie sich, sie hat mich
überschüttet mit geschenken. "früher war ich wie du," hat sie gesagt, und
ich wollt` schon immer mal eine tochter haben."
mein vater zeigt mir seinen computer. wir
reden über philosophie. als kinder hatten wir beide den gleichen traum:
wir stehen vor einem loch und wissen, man kann nicht zurück. es zieht uns
an, wir wollen es, wir fallen.
"wein, franziska?"
"danke, hab` doch gestern erst was gehabt."
sie lacht mich aus.
"diese jugend heute, die ist lasch," sie hebt das glas, "als ich so alt
war wie du, hab`s ich die jungs unter den tisch getrunken."
sie machen fotos von mir. früher konnten
sie`s ja nicht. "mit deiner mutter hatt` ich mich zerstritten. sie hat mir
die bullen auf den hals gehetzt, wegen unterhalt. vorher hatte sie mir
versprochen, sie wollte keinen. aus dem gefängnis hab` ich ihr
geschrieben., ich wollt' mich versöhnen, aber sie war sauer, ich
hab` dann gedacht, wenn du groß genug bist, meldest du dich von selbst."
wir spielen viel am computer, oft sitzt er,
stundenlang, nach dienstschluß , in seiner kammer und repariert geräte.
an einem abend, nach ein paar tagen, kommt
besuch, eine angetrunkene frau mit harten gesichtszügen und gepflegten
langen grauen haaren, sie ist schlank, gut angezogen und bewegt sich sehr
kontrolliert. mein vater sieht sie und geht wortlos in seine kammer.
"guck" mich nicht so an," sagt sie, "ich
weiß, daß ich rote augen habe."
oh," sage ich, ist mir gar nicht
aufgefallen." "mich glotzen alle immer so an, wegen meiner roten augen."
sie starrt in meine richtung. ihre augen sind hart, stechend hell, ein
wenig trüb vom trinken.
um das kalte blau herum sind viele feine rote äderchen.
"siehst du es? siehst du es? ich hab`
nämlich grünen star."
"quatsch," margit lacht, "das kommt vom saufen."
"guck' mich nicht so an. es ist schlimm, wenn man rote augen hat."
mit ihrem gesicht kommt sie mir langsam näher.
ich rieche ihren atem.
"siehst du es? siehst du es?"
margit steht auf, taumelt, hält sich fest und holt neuen wein. als sie
wiederkommt, stellt sie mit einer schwammigen bewegung die
flasche auf den tisch, will sich setzen und fällt plump neben den stuhl.
sie fängt an zu lachen.
ich gehe zur kammer und öffne die tür.
"na mäuschen? gute nacht, ich geh` jetzt gleich schlafen."
er verschwindet in sein zimmer, sein eigenes, in dem seine frau nie
schläft.
sie sitzt auf dem teppich und lacht immer
noch, überall ist wein,
italienischer wein, in diesen großen, billigen zwei-liter-flaschen.
verdammte alkoholiker.
und wenn ich genauso viel trinke, ich benehm` mich nicht wie die.
ich nehme mir eine flasche.
"ach, guck" dir DIE an... jetzt will sie auch mal saufen, weil sie denkt,
dann ist sie erwachsen."
ich gehe ins andere zimmer.
ich gehöre nicht zu den leuten, die sich neben stühle setzen
und dabei blöde kichern.
ich schenke mir ein. in eins von diesen riesengroßen gläsern, aus denen
man sonst berliner weiße trinkt.
weingläser gibt's hier nicht.
ich trinke, gar nicht so schlecht,
vielleicht etwas säuerlich.
ich schenke mir nach, randvoll.
diese verdammten alkoholiker.
ich kippe das glas hinunter.
klaren kopf behalten, nüchtern bleiben.
noch ein glas.
wissen, wann man aufhören muß.
nicht so, wie die da hinten.
noch ein glas.
ich höre sie kichern, was für einen scheiß sie wohl jetzt schon wieder
erzählen.
noch ein glas.
in der flasche ist nicht mehr viel drin,
höchstens noch ein viertel, ich hab` zwar gut gegessen, vorher, aus
langeweile irgendetwas fettes in mich reingestopft, aber man muß es ja
nicht übertreiben.
margit kommt rein, fällt ins bett, der besuch ist gegangen.
"mäuschen, mach` mal den fernseher an."
da läuft nur scheiße, wir gucken nicht hin.
dann fängt sie an zu erzählen, daß die barb, die eben da war, einen sohn
hat, der mit acht noch nicht im stehen pinkeln konnte,
hat ihm niemand gezeigt.
wie auch, ohne vater.
rolf hat's ihm dann beigebracht.
"na schade," sagt sie, "als du klein warst,
hast`n nicht gekannt."
ich hätte doch mehr trinken sollen.
"was hasse alles verpass."
reicht auch so. ziemlich angetrunken, aber scheiße erzähle ich nicht, ich
schweige.
"ist manchmal so niedlich, die väter mit ihren kleinen töchtern.
wenn sie se nackt ausziehen und waschen."
soll ich aufstehen und mir die zähne putzen? lieber liegenbleiben.
"aber ficken darfst du ihn nicht."
"was erzählst du da?"
"laß mal, bin zu besoffen." ich winke ab,
"schon gut." sie rülpst.
"tschuldigung,..."
"...sind ja stolz auf dich."
soll sie doch erzählen, was sie will.
"du... aus dir... da wird noch mal was.
"mir geht es gut."
"wird noch was."
ich will nicht zeichnen üben, dümmlich fleißig auf befehl meiner mutter,
damit sie später sagen kann, sie hat`s ja nur gut gemeint, nichts werd`
ich tun. gar nichts. richtig gemacht und gut gemeint.
hab` doch ganz schön getrunken, langsam werde ich richtig glücklich, so
eine chemisch grelle glücklichkeit.
ich liege auf dem rücken, die arme hinterm
kopf verschränkt, wie nackt in der sonne.
es war dunkel. mir war schlecht, stand
senkrecht im bett. ich wusste: in einer zehntel sekunde musste ich mich
erbrechen. nicht nach vorne, ich lege viel wert auf saubere füße. rechts
stand papas teure stereoanlage, links schlief sie. schnell überlegt,
wandte ich mich ihr zu. gezielt kotzte ich auf den gegenstand mit dem
geringeren wert.
© Alle Rechte verbleiben bei Fra
(vollständiger Name hinterlegt bei Rolf Schälike)
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Rolf Schälike
Dieses Dokument wurde zuletzt aktualisiert am 17.08.05
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