Franziska Caesar
- Oktober 2004
Nachtleben
Der Hafen ist so voll, dass wir an seinem
Boot festmachen mussten statt am Quai.
"Permission to come aboard?"
- "Hi. No problem."
"You´re from the states?"
- "Yes. I just arrived."
Als wir über sein Deck gehen, beleuchtet
den drahtigen grauhaarigen Mann der letzte Rest Abendsonne.
"Guck mal, die niedliche Möwe," hatte ich
die Crew genervt: Christa, die Ärztin, die nur wegen ihres Bruders an Bord
war, und Wolfgang, den Skipper, der über meine Begeisterung lachte. Für
ihn zählten nur Kormorane.
Er war landfein, also trug er statt des blauweiß geringelten Sweaters ein
frisches T-Shirt, das rote und braune Ringel zierten. Die völlig
verwaschenen Jeans hatte er ersetzt durch halb verwaschene.
B.büttel. Bald gab es außer Neonlicht nur noch einige Sterne und den
leicht vernebelten Vollmond.
Endlich was für die Beinmuskeln!
"Klingel!" Ich schieße die Hauptstraße entlang mit dem genialen
Scooter*. Alle Fußgänger hetzen
zur Seite. Ich habe nämlich keine Bremse.
Kaputtspielen. Ich muss mich kaputt spielen. Rase vor ihnen her nach der
Enge an Bord. Bin übermüdet, auf Koffein. Noch einen drauf. Stoße mich ab
von Bänken und Laternen. Lenke knapp an allem vorbei. Weg, schnell weg.
Weiter draußen nach einigen Häuserblocks
ist die Geschäftsstraße zu Ende.
"Hier ist nichts mehr," rufe ich den anderen zu, "genau so gut können wir
umkehren."
Etwas blitzt auf. Ein Betriebsausweis. Michael S. Er arbeitet bei Bayer.
"Zum Hafenmeister, das Teil abgeben?"
- "Nein, erst gehen wir essen."
"Großen Hunger habe ich nicht. Mir reicht was zu trinken."
Schleusenpub. Sieht gut aus. Verschwiegen.
Ich muss mal andere Leute sehen als Christa und Wolfgang.
Den Imbiss betreibt eine türkische Familie;
Eltern, Onkel, Tanten, Kinder. Wir setzen uns nach draußen neben die
Tische vom Schleusenpub.
-"Was hoast denn da?" fragt mich ein
Montagearbeiter aus Wien.
"Scooter. Im Prinzip nichts anderes als `n
Stück Flurplatte auf Sackkarrenrädern."
-"Lässt du mich mal foahr`n?"
"Nee, lieber nicht, wegen Promille."
-"Darf ich?" fragt der türkische Junge,der
zum Imbiss gehört.
"Klar. Aber der hat keine Bremsen. Ich
mach`s dir vor."
Als
ich aufspringe, reißt meine Handtasche das Glas mit um. Wir schütteln uns
vor Lachen. Die Kinder helfen beim Scherbensammeln, die freundliche Frau
fegt alles weg und bringt auf Kosten des Hauses ein neues Getränk.
"Was machen wir jetzt? Ich würde gern´ noch
in das Schleusenpub oder in die Cocktailbar."
Wolfgang fragt: "Gibt`s hier Techno? Sieht
irgendwie nicht so aus. Wir machen an Bord ein Spielchen und gehen dann
schlafen."
Die beiden bringe ich noch zum Boot, dann
ziehe ich mit Scooter allein wieder los.
Auf dem Weg vom Bord fangen mich zwei
Norweger ab.
- "Eirik here?"
"No," antworte ich
- "So you come to our boat for a drink?"
"No alcohol."
- "Our boat only alcohol."
In seiner Visage lese ich: Frau schnell abfüllen und
flachlegen.
"Cocktailbar good?" frage ich.
- "No good."
"Why?"
- "To loud music."
Ich
rede munter drauf los: Nee, kein Alkohol wegen Schmerztherapie. Die
Polizei verhaftet mich ab und an gern ohne Grund. Der einzige ist die Rasterfahndung.
"You know German word RRRasterfandung?" frage ich mit rollendem RRR.
Schon bin ich die beiden los:
"Nice meeting you. Ciao."
Als ich
im Zentrum bin, hat die Cocktailbar, in die ich vorhin wollte, schon
geschlossen. Auf der Straße sitzen noch die Betreiber des türkischen
Imbisses mit den beiden Kindern. Das Mädchen fixiert sehnsüchtig meinen
Scooter.
"Na? Willst auch mal fahren?"
Die Mutter erlaubt es ihr.
"Aber nicht so weit weg." Sie ist neun. Mittlerweile ist es schon später
als Mitternacht. Deutsche Kinder müssen um diese Zeit außer am Sylvester
meist so tun, als würden sie schlafen.
Auf der Straße sind jetzt außer mir nur
noch Südländer. Zum Glück gibt es sie, so haben wir noch Unterhaltung. Der
Großvater von dem kleinen Mädchen klappt das Spielbrett zu. Die
Neunjährige ist traurig, die Tränen fließen, sie versteckt ihre Augen halb
hinter dunklen Locken. Sie hat verloren.
Ich frage, ob sie Lust hat auf ein neues Spiel.
Sie fängt langsam an zu lächeln und fragt: "Welche Farbe?"
Ich nehme grün. Sie klemmt sich hinter mich. Gut. Eigentlich spielt man zu
zweit genau gegenüber. Ich akzeptiere und sage ihr, dass es schlau war,
was sie getan hat. Sie grinst. Nach ihrem gezinkten Privatwürfel greife
ich wie genau wie sie. Wir werfen fast nur Sechsen!
Wenn sie schummelt, schiebe ich die Figuren schnell wieder zurück. Da kommt ihr
Bruder und wirft "aus Versehen" welche runter. Unschuldiges Augenrollen:
"War das richtig, dass die da standen?"
Weiß nicht. Hauptsache, ich weiß den doppelten Palstek.
Die Kinder spielen voll Begeisterung alle
Spiele auf meinem Handy und zeigen mir ihre Klingeltöne.
Die Eltern kennen den Besitzer des von mir gefundenen Dienstausweises.
Denn er
ist Stammgast nebenan.
Als ich den Ausweis im Schleusenpub zeige,
bitte ich den Wirt, den Besitzer schnell anzurufen. Ein Betrunkener mischt
sich ein: "Nur noch gültig bis 2001. Das Teil ist doch abgelaufen."
- "Mein Kumpel Michi benutzt seit Jahren den Ausweis von 2000. Und der ist
beim NDR. Sonst kommt er nicht rein."
Vorteil Kleinstadt. Hier sind nur genau zwei Einträge diesen Namens. Der
erste ist ein Treffer, er holt ihn gleich ab.
"Danke," strahlt der junge Lehrling. Seine langen Haare sind schon fast so
verfilzt wie Rasta-Locken.
"Sonst hätte ich morgen an der Pforte ziemlich alt ausgesehen und wär´ zu
spät gekommen. Das gibt immer richtig Mecker."
Er gibt mir einen aus, nach einem kurzen Gespräch muss er schnell wieder
nach Hause. Es ist fast eins, um halb fünf muss er hoch.
Mit im Schleusenpub sitzt ein
zurückhaltender, intelligenter, beschäftig aussehender Mann. Bestimmt ist
er irgendwo Chef. Als die Leute, die ich vorher kennen gelernt hatte, zu
besoffen werden, will ich lieber gehen.
"Schlafen. Muss morgen fit sein."
Vorheriger Dialog:
"Der ist Millionär."
Ich: "Na und? Ich hab´ nichts gegen Millionäre."
Sein Kindergartenfreund sagt:
"Jetzt verkauft er Kohlköppe. Der hat sich überhaupt nicht verändert."
Der Millionär lässt durchblicken, dass er ein Haus in Frankreich hat und
vögeln will. Nicht mit seiner Frau. Sie frustet ihn. Er betrinkt sich.
Arbeitsloser:
"Viermal gefickt, drei Kinder."
Ich: "Besser als umgekehrt. Dann wär´ nämlich eins ein Kuckukskind."
Arbeitsloser: "Mich hat er in sein Haus in Frankreich noch nie
eingeladen." Er grinst: "Der Sack lädt immer nur Frauen ein."
Ich schlage vor: "Geschlechtsumwandlung."
- "Wie?"
"Geschlechtsumwandlung in Thailand. Da gibt´s Profis. Vielleicht lädt er
Dich dann auch mal ein."
Zu spät.
"Tschüß." Jetzt gehe ich. Egal, was die anderen sagen.
Zurück auf dem Boot, ist Wolfgang noch wach
und nimmt meinen Roller an, den ich im Dunklen allein über zwei Boote
getragen habe. Es regnet. Christa schläft in meiner Nähe, Wolfgang ist in
seiner Kajute.
Sturm. Ich mache das Boot zu, damit Christa keinen Zug kriegt.
Hat viel Spaß gemacht mit dem Roller. Der wird nass. Vielleicht hat der
Hafenmeister für mich eine Plane. Dieses mal über drei Boote und ohne
Wolfgang, ganz allein. Langsam, vorsichtig, wie beim Bergwandern. Der
Hafenmeister hat keine Plane. Vielleicht sind die Besoffenen jetzt weg,
und andere Leute da.
Nichts, niemand. Alles zu. Geld, das ich
nicht ausgeben musste, fiel mir über Bord beim Bücken nach einem nassen Lappen.
Ich sehe: "C´est la vie." Hatte mit dem
Besitzer in Hamburg mal gut Party gemacht.
Filiale?
Rein da. Drinnen ist alles zu erkennen als Freudenhaus. Der Intelligente
erkennt mich wieder. Mir ist klar, sonst hätte er mich bestimmt nicht
reingelassen.
"Entschuldigen Sie, bitte, ich segle mit auf einer Yacht. Mein Geld ist
ins Wasser gefallen. Kann nicht schlafen. Könnte ich bitte ein Glas
Leitungswasser haben?"
Endlich gedämptes
Licht, gute Musik. So etwas macht mich entspannt, manchmal viel mehr als Schlaf.
"C´est la vie," frage ich, ist das hier ´ne
Filiale von dem Lokal in Hamburg? Mit dem Besitzer von da hab´ ich nämlich
mal gefeiert."
- "Nein, mit den in Hamburg hat das nichts zu tun."
Die Bedienung hinter gepflegten Tresen zapft mir ein Glas Wasser. Sie
lächelt mich an, routiniert stellt sie´s vor mich hin.
Im vorteilhaft halb dunklen Hintergrund
sitzen einige geschmackvoll gekleidete Damen. Ihre Gesichter zeigen vor
allem Überdruss und ziemlich viel Verstand. Die Bedienung am Tresen ist
zierlich, gut gewachsen. Als einziges der Kleider ist ihres schwarz.
"Danke, dass ich hier bleiben darf," sage
ich, "Prost!" und nippe an dem Glas Wasser. Sogar Eiswürfel hat sie rein
getan.
"Ich heiße Franziska, und du?"
"Maja, und woher kommst du?"
"Aus Hamburg mit einem Boot. Man hat mich eingeladen zum Mitsegeln. Sehr
nette Leute. Bloß die gehen immer so früh schlafen."
"Verstehe," sagt der Chef, "ich bin auch
lieber nachts wach."
Maja sagt: "Ich komme aus Polen. Bin aber schon lange hier."
"Als Kind hatte ich mal eine Freundin gehabt, die Inga. Die kam auch aus
Polen. Wegen ihr wollte ich katholisch werden, aber meine Mutter hat´s
verboten. Bist du katholisch?"
- "Bin ich. Und ich glaube an Gott."
"An Gott glaube ich auch."
- "Das ist wichtig. Man muss immer helfen. Ich bin so. Wenn jemand in Not
ist, helf´ ich ihm, sogar wenn ich selbst fast nicht mehr kann. Auch wenn
ich besoffen bin."
"Betrinken wollt´ ich mich mal. Aber das hat nicht geklappt. Vorher hatte
ich zu viel gegessen. Ich musste bloß kotzen."
Sie lacht. Geht zu mir vor den Tresen,
zieht ihre eleganten schwarzen Schuhe aus und reckt ihre rasierten Beine
lang. Ihre schlanken, muskulösen Waden streckt sie auf dem samtbezogenen
Barhocker aus, der zwischen uns steht.
"Stört´s dich?"
- "Nein."
Auch ich strecke meine Beine lang aus.
An solchen Orten finden sich oft die Leute ohne Lügen. Ob mit Alkohol oder
ohne, das spielt nachts keine Rolle.
In der Dunkelheit des verregneten B.büttel gehen wir an den Ort, der IMMER
dunkel ist. Draußen könnte die Sonne scheinen. Es könnte hageln, es könnte
sogar Tag sein - gleich, solange man nichts sieht vom Licht.
Meine empfindlich gewordenen Augen brauchen getönte Gläser sogar bei
Kunstlicht.
bei meiner Lieblingsmusik - ruhiger Elektronik - lassen wir Welten
erstehen; zu denen hat nicht jeder Zugang.
Es sind Welten der Lichter von Jahrmarkt und Karneval, in welcher Stadt?
Spielt keine Rolle, ob Venedig, Hamburg oder Köln.
Habe deine Augen zu viel gesehen, wunderst
du dich über nichts, weil du dich weigern musst, zu viel zu denken. Sonst
verteilst du nur Urteile. Am meisten über dich selbst.
Wir plaudern munter weiter möglichst
oberflächliches Zeug. Eine von den Frauen gibt der Tresenbedienung diskret
etwas Geld. Von außen erkennbar zwanzig Euro als Umschlag für den Rest. In
einer mit fremden Sprache bittet sie darum, mit Martha kurz etwas privat
zu besprechen.
Ich schweige. Die Sprache beherrsche ich nicht, jedoch das Lesen von
Gesichtern.
Sie ist schlank, trägt ein türkises Seidenkleid. Aus ihrem leicht
gebräunten Gesicht, das im Dunkeln hell wirkt, beobachten mich fast
schwarze Augen.
Ihre dunklen Haare erinnern mich an die des kleinen Mädchens.
Sie fragt Maja, ob sie uns beide auch nicht stört.
Diese winkt ab. Ihrer Freundin zu helfen ist wichtiger als ein Gespräch
mit mir, der Fremden, die freundlich lächelt und Distanz hält.
Einige Wörter sind durch alle Sprachen hindurch ähnlich oder gleich.
Muj
heißt viel. Es gibt Worte wie "Taxi".
Dazu kommt noch "Interrogare Familia".
Ich
schweige. Sehe in die schönen Gesichter, keiner von uns hat es nötig, den
Blick zu senken. Feingliedrige Körper; trainiert, gerade Haltung, weniger
gekünstelt als beim Ballett.
"Americano,"
stöhnt die Schöne im türkisen Kleid, "Robot Mann," sie nimmt einen Drink,
"Ficki kaputti."
Maja antwortet: "Du nehmen Tabletta."
Geübt, diskret wird ein Riegel rübergereicht, zwei Tabletten aus dem
Blister gedrückt und schnell geschluckt.
In dem, was die beiden tun, erkenne ich mich selbst.
Ich muss grinsen, Daumen nach oben, und ernte ein Lächeln.
Unser Boot liegt fast direkt neben der Yacht des Amerikaners, des einzigen
Amerikaners im Hafen.
Die
Tür geht auf, ein Schwung von Frauen kommt rein, dezent parfümiert. Dazu
kalte Luft.
"Wollt ihr noch ein Bier?" fragt der Chef.
- "Nein, ich will Feierabend machen," sagt Marja. Die Mädels begrüßen sie
und verschwinden wieder so schnell, wie sie vor kurzem gekommen waren.
Maja liegt im Blut, andere Menschen zu dominieren, dadurch, dass sie
freundlich ist. Eine wirkliche Freundin. Ein ehrlicher Mensch, dessen
Meinung, je länger man ihn kennt, mehr zählt. Der keine Angst hat,
ausgelacht zu werden, denn diejenigen, welche sie auslachen, sind bloß
Menschen.
Ihre Stärke besteht aus einem: sie lacht über sich selbst.
- "O weh, schon wieder besofen."
"Ach Quatsch. Bist du nicht. Du bist höchstens bisschen angetrunken."
- "Bacardi. Bacardi. Bacardi. Bacardi. Bacardi. Ich hasse dieses eklige
Zeugs."
Von hinten lässt sich der Chef hören: "Was sagst du?"
Sie: "Ja. Ich hasse Bacardi.
Bacardi.
Bacardi.
Bacardi.
Bacardi.
Bacardi.
Chef sagt immer: "Du Bacardi.""
"Wie viel am Tag?"
-
"Fünf."
"Hast dich aber dran gewöhnt. Wenn ich dich so sehe, denk´ ich, du bist
nüchtern."
-
"Ich merk´: ich bin besoffen. Das nervt. Ich will Feierabend."
"Hab´ schon mal mehr getrunken. Ich muss auch bald los."
- "Wie lange bleibst du?"
"Morgen früh um neun geht´s los."
- "Schade. Dann sag´ ich tschüs. Um neun schlaf´ ich noch."
Den
beiden Mädchen gebe ich die Hand, dem Chef winke ich zu. "Schlaft alle
schön."
Draussen wird es langsam hell. Weil ich niemanden wecken mag, trage ich
den Roller wieder allein über die drei Boote.
- "Hi," begrüßt mich der Amerikaner, der anscheinend noch wach ist, "looking
dangerous.Y` need a hand?"
"Thank You. I´m getting along. You mind a question, Sir? Did You really
cross the ocean single-handed?"
"Yes,
just me."
(((Ich erkenne ihn wieder, den
intelligenten Beschäftigten.
"Entschuldigen sie bitte, ich segle mit auf einem Boot. Mein Geld ist ins
Wasser gefallen. Kann nicht schlafen. Könnte ich bitte ein Glas
Leitungswasser haben."
Ich gehe rein, stelle mich vor. Eine Filiale ist es nicht. Quatsche mit
Maria, der Tresenfrau, schönen harmloses Zeug über den Hamburger Dom,
Karneval in Köln, als wären wir bloß zwölfjährige Kinder. Sie ist
katholisch, glaubt an Gott.
Ich auch.
Endlich gedämpftes Licht. Gedämpfte Musik. So etwas entspannt
Nachtmenschen, sogar sehr viel mehr als Schlaf.
Außenreize minimiert.
Chillen statt Schlafen.
Der Chef - Nachtmensch - versteht mich.)))
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Rolf Schälike
Dieses Dokument wurde zuletzt aktualisiert am 10.10.04
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