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Franziska Caesar - 1987 (Revision 2004)
Paradoxpluie
Mein schönster Besitz ist ein Schirm, an
dessen Spitze eine abnehmbare Schreibfeder steckt.
Ich spaziere durch eine Stadt, trage meinen
Schirm in der Hand und sehe die Häuser an.
Manchmal sehe ich auf den Boden, und langgestreckt robbende Regenwürmer
kreuzen meinen Weg.
Hoffentlich werden sie nicht zertreten, ich mag sie. Was suchen sie bloß
hier in der Stadt?.
Trotz des Parapluies sind meine Kleider
durchnässt, es ist ziemlich kalt, und der Himmel ist grau. Überall höre
ich Regentropfen auf die Straße klatschen, die von Autos überfahren
werden. Wie heißt diese Stadt? Was will ich hier?
Irgendeinen Grund muss es doch geben, der mich hier sein lässt. Diesen
möchte ich finden.
Fremde Häuser reihen sich rechts und links von
mir, worin Menschen wohnen, mit denen ich nichts zu tun habe. Hiermit bin
ich niemandem etwas schuldig.
Eigentlich ist es ein schönes Gefühl, fremd zu sein. Das gibt guten
Nährboden für Gedanken.
Doch für welche? Was für ein Ziel verfolge ich?
Ich bin auf der Suche nach meiner Sehnsucht.
Nach dieser Stadt sehne ich mich nicht, sie ist unbehaglich und
langweilig. Nur die robbenden Regenwürmer mag ich, sie erinnern mich an
ein kleines Dorf, in dem ich früher einmal zu Besuch war und mit ihnen
spielte.
Wieder sehe ich mitten auf den Fußweg einen Wurm. Das arme Tier wird
bestimmt zertreten!
Mich packt das Mitleid, und ich nehme den Wurm, um ihn zu retten. Vorher
will ich ihn noch einmal genau sehen.
Ich hebe ihn hoch, führe ihn dicht vor meine Augen und gewahre ein
grinsendes, kleines rosiges Gesicht. Nein, es ist kein Regenwurm, es ist
ein riesenhafter Tubifex. Der fühlt sich wohl in der nassen, schmutzigen
Stadt.
Auch wenn ich den Wurm nicht mag, lege ich ihn behutsam auf die nächste
Grasfläche. Dort wird es weiter leben, dieses widerliche Tier.
Weiter wandere ich durch die Stadt. Ich habe
mein Ziel verfehlt, ich kam nicht, um Würmer zu retten. Das ist bloß
lächerlich, und den Gegenstand meiner Sehnsucht habe ich noch immer nicht
gefunden.
Ich wandere dahin, immer weiter, und suche.
Schließlich gehe ich zu dem Ort, von dem ich kam. In mir trage ich die
Sehnsucht. Sie hat etwas mit bläulichem Licht zu tun, mit grauen
Häuserfronten, die sich aufklappen lassen wie Türen, und dem Gefühl, um
Geheimnisse zu wissen.
Auch in meiner Heimatstadt bin ich fremd.
Ich kenne hier jeden Winkel, doch kein Winkel kennt mich. Noch extremer
verhält es sich mit den Menschen hier: mein Leben ist auf einer anderen
Ebene als ihres. So rede ich zu ihnen, und meine Worte machen einen Bogen
um sie. Vielleicht tun sie Recht daran!
Was will ich hier?
Ich möchte jemanden finden, der meine Worte wert ist. Oder sind meine
Worte nichts wert?
Wenn ich das wüsste, würde es nichts ändern, denn meine Sehnsucht stöbert
weiter in irgendwelchen Winkeln und tiefen Gruben, egal wer mir zuhört.
Jetzt weiß ich, was ich will: jemanden der mir zuhört.
Ein Mensch wird es wohl nicht sein, ich mag keine Menschen und mich selbst
auch nicht.
Würmer haben es besser, die denken nicht viel.
Ich beginne die Würmer zu beneiden, und wenn es nur schmierige Tubifexe
sind.
Das bringt mich auf eine Idee: ich muss mich selbst zum Tier machen. Das
geht sogar, fällt mir ein, als ich in einer Kneipe vorbeikomme, deren Tür
offen steht.
Da muss ich jetzt hinein.
Igitt, es sind Menschen darin, ich selbst bin
mir schon zu viel, aber was hilft es.
Bald werde ich nichts mehr wahrnehmen, weil ich dann nämlich betrunken bin
und fast wie ein Tubifex. Ich stelle mir mein eigenes Gesicht vor, mit
alkoholgeröteten Wangen widerwärtig rosig grinsend wie vorhin der Tubifex.
Ja, genau! Ich werde mich in meinem Leben aalen wie sie sich in ihrem
Schlamm.
Schon betrete ich die Kneipe, es ist unter meiner Würde, Kneipen zu
betreten, das lasse ich alle spüren. Ihr Menschen, kommt und schaut, heute
lasse ich mich zu euch herab, auch wenn ich genau so ein abscheulicher
Mensch bin wie ihr.
Ich schütte den Regen von meinem Parapluie.
"Worin am meisten Alkohol ist, bitte, und so
viel davon, bis ich betrunken bin," bestelle ich, "danach noch ein wenig
mehr."
Der Wirt sagt mir nicht ins Gesicht, wie schlecht er von mir denkt, weil
es das Geschäft verdirbt. Würde er mich kennen, würde er es mir mit
wurmigem Grinsen ins Gesicht SCHLEUDERN. Ich selbst hasse mich ja auch und
bin froh, mal mit jemandem einer Meinung zu sein.
Ha, der Wirt hat ja ein Gesicht wie ein elender Wurm.
Guten Abend, Tubifex, du bist sehr dumm, wie mir scheint. Aber heute werde
ich dich mit meiner Dummheit schlagen. Alkohol macht so königlich dumm,
dass sogar du nicht mehr dagegen an kannst.
Ich stelle mit vor, wie mein Denken frierend in einer Ecke steht, allein
mit seiner Suche nach dem Gegenstand der Sehnsucht.
Und an meinem Kopf steht ein Schild: Wegen Alkohol heute geschlossen. Die
Schadenfreude berauscht mich schon jetzt, und bezahle im voraus, weil ich
nachher bestimmt zu betrunken bin, um Geld zu zählen.
Man bringt mit einen ersten Longdrink. Er schmeckt so ekelhaft, wie
Tubifexe dumm sind. Da merke ich, dass ich kein Säufer bin, kippe schnell
noch 6 Schnäpse hinterher und flüchte aus der Kneipe.
Wie konnte ich nur! Ich und Alkohol! Welch groteske Zusammenstellung.
Langsam annektiert das Gift aus den Gläsern mein Blut und mein Hirn. Ich
fühle ein dümmlich warmes Kribbeln in meinen Adern und gerate in einen
Zustand, der weder nüchtern noch betrunken ist.
Das ist ja scheußlich! Dann lieber völlig
alkoholisiert, aber nicht SO. Meine Gedanken sind beleidigt, weil ich sie
kastriert habe, und würden sich gern VÖLLIG zurückziehen. Eingesperrt in
meinem Kopf, können sie dies jedoch nicht. Gefängnisgehirnzellen.
Auf eine gewisse Weise bin ich doch schon
betrunken. Mein Gang wird ein wenig unsicher. Keine Angst, ich brauche
nicht umzufallen. Dafür reicht es nicht. Hoppla! Eben wäre ich fast
hingefallen. Worüber bin ich denn da gestolpert? Ach so, ein Tubifex. Der
ist aber verdammt fett, der Bursche. Und sein Kopf hat die Form wie ein
Pfeil. Ein Hinweispfeil!
Na, worauf zeigst du denn, Tubifex?
Das ist bestimmt alles Einbildung und hat
nichts zu bedeuten, doch meine Neugier gibt mir einen Grund, dem Pfeil
nachzugehen. Er zeigt mitten auf eine graue Häuserwand. Wie die
Vorstellung meiner Sehnsucht, wie gemein. Der Tubifex ist vielleicht gar
nicht so dumm und kennt alle meine Gedanken.
Da klappt diese verdammte Häuserwand einfach
in der Mitte auf, wie eine Flügeltür. Dahinter scheint mir bläuliches
Licht entgegen, während ich viel zu betrunken bin. Ich lache hämisch über
mich selbst. Nein. Schrecklich! Bloß nicht in diesem Zustand dem
Gegenstand meiner Sehnsucht gegenübertreten.
Ei, wen sehe ich denn da?
Ein Tubifex ist es nicht. Es ist ein kleines,
zartes weißlich-graues Wesen, das aussieht wie aus festem, mattglänzendem
Pudding gewachsen.
Seine linke Hand trägt ein riesiges leuchtend
blaues Auge wie eine Laterne vor sich her, die andere Hand streckt sich
mir yum Gruß entgegen.
"Willkommen, Fremder!"
-"Willkommen, Gegenstand meiner Sehnsucht. Ich
freue mich, dass du endlich kommst, aber musste es unbedingt heute seui?"
Ich schüttle seine Hand und packe dabei nur
schwammig zu. Leider nicht mehr ganz nüchtern.
"Willkommen!" sagt das kleine Wesen und
Streckt seine Hand mit dem großen, blauen Auge nach oben. Es stelle
sich auf die Zehenspitzen und leuchtet mir ins Gesicht. Verwundert blickt
es mit seinen braungoldenen Augen zu mir hoch.
"Du bist ja betrunken," stellt es betrübt
fest.
-"Es tut mir Leid, mein Kleines, normalerweise
bin ich nie betrunken. Versteh das doch bitte! Ich habe gesoffen, weil du
nie kamst!"
Das Wesen sieht mich an und weint.
"Deine Augen sind ja ganz glasig!" schluchzt
es.
-"Soll ich dich trösten?" frage ich, "soll ich
dich streicheln?"
Stumm schüttelt es den Kopf.
"Sag doch was!" flehe ich, "Bitte sag doch
was!"
Es öffnet seinen Mund mit den festen weißen
Lippen. Noch traut es sich nicht zu sprechen, dann bewirft es mich mit
flüssigen, ruhig gesprochenen Worten:
"Ich habe mich so auf dich gefreut, wollte dir
ein Geheimnis verraten, und nun bist du so widerlich!"
Es dreht sich um und trottet mit hängenden
Schultern davon. Diese schändliche Trauer macht mich rasend. Verfluchtes
Vieh, du hast dich jetzt zu freuen!
-"Ich soll widerlich sein? Ich, ein
Schriftsteller, soll widerlich sein? Warte, du, das sollst du büßen!"
So wie ich schreie, finde ich mich auch
widerlich. Egal. Ich zucke meine spitze Feder, verwerfe den Schirm, kriege
trotz meines Rausches das Wesen zu fassen und drücke es an die Wand.
"So," sage ich, "mit dieser Feder hier, ja
die, schau sie dir nur an, damit pinne ich dich an die Wand und halte dich
fest, bis ich morgen wieder nüchtern bin. Dann weißt du, wer ich bin. Eher
nicht!"
Was ich in diesem Moment alles sagen will. Ich
bin stolz und frei und begabt und intelligent, außerdem habe ich Sehnsucht
nach dir und bin nie betrunken. Schon hebe ich die Feder, um das Wesen
festzunageln. Es zittert vor Angst.
Du hast vor Ehrfurcht zu zittern - Vieh.
Da sehe ich mein eigenes Gesicht, wie es sich
in einer Fensterscheibe spiegelt. Ekelhaft rosig, es ist das Gesicht eines
Tubifex.
Hinter der Scheibe erkenne ich noch einen. Er
winkt mir zu, grinst, klatscht Beifall und ruft&
"Gut gemacht, Bruder!"
Ich lasse die Feder fahren, robbe in die
nächste Pfütze und schlafe meinen Rausch aus.
© Alle Rechte verbleiben bei Franziska
Caesar
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Rolf Schälike
Dieses Dokument wurde zuletzt aktualisiert am 16.07.04
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