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Franziska Caesar - Januar 2004

penner

der millionär weinte. wir saßen in berlin, heißer sommer war´s in einem strassencafe. es war 1990, kurz nach der öffnung der grenze. "Sie hat einfach gesagt, sie liebt mich nicht mehr. es ist jetzt ein anderer. sie war achtzehn jahre meine frau."

wir kannten uns seit einer stunde. er war jude. er hatte von seiner geburt erzählt, verteckt im kz, kurz vor der befreiung.

seinen vater hatten sie schon umgebracht. als er zwei war, starb seine mutter. von ihr war nichts geblieben, keine einzige erinnerung, er war ja noch so klein.

nur geld. er bekam es zum geburtstag, vom waisenhaus, als er achtzehn wurde. ein mittleres vermögen. man hatte es für ihn angelegt. verwandte hatte er nicht.

"was sollte ich machen? da habe ich das geld vermehrt. eigentlich nicht für mich. für meine familie, damit sie es mal gut hat." alina, seine älteste tochter ist viezehn.

"mädchen", sagte er, "fünf jahre jünger als du. ich habe mich so auf ihre geburt gefreut. sie ist sehr lieb. sie ist geistig behindert. sie bekommt den besten unterricht, den ich ihr bezahken kann. weisst du ..."
er trank von seinem bier, "manchmal ist geld eben doch zu was nutz..."

- "wie hast du´s denn gekriegt, dein vieles geld?"
"ganz einfach: immobilien. ich hatte schon damals angefangen mit einem großen grundstück in berlin, stadt mitte. das vermehrt sich dann. fast wie von selbst. ich muss kaum noch was tun, das regelt alles mein büro."
- "und wie viele häuser hast du?"
er lachte.
"kann ich nicht zählen. einmal stand eins leer. ist mir gar nicht aufgefallen bis die hausbesetzer kamen. die poilizei wollte sie rausschmeissen, aber ich habe gesagt, dass soll sie mal lassen. ich bin dann hingegangen, einen sonntag nachmittag. nette leute. das haus habe ich ihnen vermietet, so billig, wie du´s in ganz berlin nicht mehr kriegst."

um unsere tische strich ein schnorrer. bevor er seinen spruch zu ende gesagt hatte, lagen schon zwanzig mark in seiner hand.

"boah, so viel. dnake mensch!"
der millionär lächelte und winkte ab.

"entschuldige, dass ich geweint hab`."
er rückte mir näher.
"wenn ich noch mal jung wäre...
wir beide könne abhauen, einfach sachen packen und weg, irgendwohin..."

- "abhauen? meistens nützt das nichts.man bleibt ja man selbst."

"mädchen, schau mich an, wer ich bin. wer bin ich schon?"
ich schwieg.
er war ein wenig zu dick, er schwitzte, und an seinem kopf klebten graue locken. hindurch schimmerte ein wenig zu rosig die blanke kopfhaut.

"du willstr nicht mit mir abhauen. das seh` ich schon. hast ja recht. wohin auch...
aber, du, studier doch in berlin. dann können wir usn öfter sehen."

- "hm. berlin. da ist die uni ziemlich überfüllt."

die sonne schien uns direkt auf den kopf.

"mädchen, ich zahl dir alles. wohnng, auto, taschengeld... du kannst ein praktikum in unserer firma machen."

- "das ist nett. aber ich möcht` nicht in berlin studieren."

"überleg´s dir noch mal. hast du zeit, jetzt?"

- "ja, aber nicht lange."

er hatte gefragt, was ich machen will, und ich hatte gesagt: - "sterbepsychologie."
"sterbe... denk` doch an die lebenden, sterbe...
....komm, ich hol` meinen sohn vom kindergarten ab, und dann..."
wir kamen an sein auto.
er stellte die parkscheibe nach, dann gingen wir zu fuß zur u-bahn.
"ich hab` vier bier getrunken, sonst würd` ich dich ja fahren."
es wimmelte von menschen. sie sahen aus wie millionen, die, ohne bestimmte richtung, so dicht aneinander gingen, daß sie sich manchmal traten.
"hast du ne monatskarte?" fragte er.
alle redeten durcheinander, wortfetzen schlugen mir um die ohren, und es roch nach schweiß.
- "nein, ich fahr` immer schwarz."
"ich kauf` dir ne fahrkarte."
-`"brauchst du nicht, ich fahr` doch immer schwarz."
"lieber geh` ich barfuß bis zum nordpol, als bis du in meiner gegenwart schwarz fährst."
er kaufte zwei karten, - "danke," und gab mir eine.

die u-bahn hielt, wir stiegen ein.
"wie viel zeit hast du eigentlich?" fragte er mich.
- "oh, nicht viel."
er blickte mich an, mit seinen etwas feuchten braunen augen.
"kommst du noch mit zu mir?"
- "nein, keine zeit, ich muß noch zu ner freundin."
"ach, freundin, freundin... dann sagst du ihr eben ab."
ich schüttelte den kopf.

-`"ich hab`s ihr versprochen, wir können ja noch`n kaffee trinken."
er schwieg.
als wir zusammen draußen durch die sonne gingen, hielt er plötzlich an.
"in den kindergarten geh` ich lieber allein. weißt du, sie stellen sonst dumme fragen,
oder ich treff` dort zufällig meine frau. wartest du kurz?"
- "klar. kein problem."
ich setzte mich auf eine gartenmauer.
"komm, warte doch in `ner kneipe."
er lächelte mich an.
- "nicht nötig, ich sitz` gern draußen. in so eine öde verrauchte kneipe will ich nicht."
er zog mich hoch.
"quatsch, mädchen, wenn ich dich schon warten lasse, sollst du dich auch nicht langweilen, ich geb`s dir aus."
ich langweile mich nie. das sagte ich ihm nicht.

er führte mich nicht zur nächsten kneipe, sondern zu einer anderen.
"da ist es gemütlicher."
drinnen war es düster, aber durch einige ritzen drang sonnenlicht. der rauch einer einzigen zigarette stieg nach oben und hob sich ab von der stillstehenden, klaren luft. ein penner trank von seinem bier und grinste uns an. ihm fehlten einige zähne.
"was willst du trinken?" fragte der millionär.
- "nichts"
er bestellte für mich ein glas wasser.
"bis gleich."
dann verschwand er.

ich nahm mir ein buch, das wahrscheinlich durch zufall unter einen stapel zeitungen geraten war. vielleicht hatte es jemand vergessen.
sie stellte mir ein wasser hin. eigentlich hätte ich lieber draußen gesessen,
"schönes wetter heute," sagte die wirtin.
- "ja, schönes wetter, da haben sie recht."
ich trank von meinem wasser. ab und zu sah ich auf die uhr.
nach einer halben stunde war er immer noch nicht da, der millionär. ich blieb noch, nicht weil ich dachte, er käme noch wieder, sondern weil das buch so spannend war.
am ende wollte ich gehen.

in meiner tasche war etwas kleingeld. ich zählte es ab.
-"entschuldigen sie," sagte ich der wirtin, "ich habe nur noch zwölf pfennig. und hier, die alte briefmarke. ist aber noch nicht gestempelt."
"wenn sie kein geld haben, dürfen sie sich nichts bestellen."
- "na ja...hab ich auch nicht, das hatte der herr für mich bestellt, er hatte gesagt, er kommt gleich wieder."

"das kann ja jeder sagen..."
- "stimmt, aber davon krieg` ich auch kein geld."
"haben sie denn wenigstens ihren ausweis?"
ich schüttelte den köpf. der penner fing an zu lachen.
"nun hör`n se aber mal auf. n`ausweis für zwei mark fünfzig."
er nahm das geld aus seiner tasche und gab es mir. nicht der wirtin.

ich bezahlte, ich lächelte die wirtin an, nur aus spaß, und sie nickte schweigend mit dem kopf., wie die tiere aus plastik, die man an autobahnraststätten verkauft. der millionär kam nicht. vielleicht hat er gedacht, es lohnt sich ja doch nicht mit mir, oder er hat im kindergarten zufällig seine frau getroffen, sie haben sich versöhnt, und die achtzehn jahre sind gerettet.
"ich hab` das mitgekriegt," sagte der penner und lehnte sich zu mir herüber, er stank.

"blöder hund. erst bestellt er dir was, und dann läßt er dich einfach sitzen."
er gab mir die hand.
"so, ich muß jetzt los. mach"s gut, kleine."
der wirtin legte ich geld auf den tresen. sie nahm es, ohne ihn anzusehen.
"wo gibt es denn SOWAS," grummelte er zu sich selbst.
er hinkte leicht. er öffnete die tür, und für einen momnet war der ganze raum voller sonnenlicht.
bevor sie zufiel, hörte ich ihn schimpfen:"penner."

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Dieses Dokument wurde zuletzt aktualisiert am 08.02.04
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