Fra -
März 2006
Roller zur Taufe
"Wohnt der liebe Gott in der Sonne?"
- "Er wohnt überall."
Alle sammelten sich zum Gottesdienst.
- "Ich taufe Dich auf den Namen ..."
Dem Pastor fiel er nicht ein.
- "Wie heißt sie?" flüsterte er, weiterhin sehr würdig über meine kleine
Gestalt gebeugt.
"Mule... ääh... nee, nee... Franziska."
So hätte man mich fast auf meinen
Spitznamen getauft aus der Zeit, als ich meinen Namen noch nicht
sprechen konnte. Man besprengte mich mit Wasser, schon war alles fertig,
und ích ICH,
jetzt frisch getauft.
Die letzte Sicherheit über meine Fragen
bezüglich Wohnort Gottes, Aussehen des Himmels mit Engeln brächte mir
letztendlich nur der Tod.
Am besten waren die Geschenke. Eine goldene Kette, Anhänger aus
Bernstein mit eingeschlossener toter Fliege, eine silberne Vase, und das
beste von allem: ein Roller.
Von der pummeligen Patentante Christiane. Meine Mutter meckerte. Sie
grinste.
"Hättest mich wenigstens vorher fragen können," flüsterte Mama ihr zu,
"jetzt will sie den behalten, womöglich auch noch damit fahren. Sie ist
noch zu klein. Das ist viel zu gefährlich."
- "Soll ich ihr den wieder wegnehmen?"
"Nachher fährt sie damit ALLEINE los, und das HEUTZUTAGE, bei all den
vielen Mitschnackern."
"Mama, was ist ein Mitschnacker?"
- "Das ist ein fremder Mann. Der lockt Dich mit Bonbons."
"Aber Bonbons sind doch GUT."
- "Vielleicht hat er die Bonbons vergiftet. Dann musst Du sterben."
"Wäre lustig. Dann sehe endlich mal ich den lieben Gott und weiss, wo er
wohnt. Und meinen toten Opa auch. Aber erstmal will ich rollern."
"Komm, Lütte," sagt Teddy, das ist der
Spitzname von Christiane, weil sie ein bisschen pummelig ist, wie ein
großer Kuschelbär.
"Komm, Lütte, wir gehen los - sonst nimmt Deine Mutter dir den Roller
wirklich noch weg."
Wir ziehen uns schnell an, gehen nach draußen. Meine Mutter hetzt
schnell hinter uns her. Wir hätten sie lieber abgehängt.
Bergab ist am besten. Die Bremsen greifen
nicht, eine Straße. Schnell lass´ ich mich zur Seite kippen in den
Dreck.
"Oh Gott - " schreit meine Mutter, "wenn sie nicht zufällig hingefallen
wäre, wäre sie jetzt tot. Vor vierzig Jahren war da ja noch gar keine
Straße. Die Wohlstandsidioten betonieren alles zu."
Ich riss ihnen aus. Bis zur nächsten
Kreuzung. Dort sind schöne, große, schleimige schwarze Nacktschnecken.
Die Leute sind weit hinten. Ich kann sie hören, doch sie mich überhaupt
nicht sehen. Bei Erwachsenen immer am besten.
Ich lasse eine Schnecke an meiner Hand riechen - wie bei Katzen -
tatsächlich kriecht sie an mir hoch. Sie hat keine Angst. Also ist sie
zahm.
An der Ampel steht eine Mann mit Anzug
und Sonnenbrille. Ich halte ihm meine Hand hin.
"Arbeiten sie als Mitschnacker? Haben sie ein Bonbon? Möchte sie meine
zahme Schnecke streicheln? Darf ich ihren Pimmel sehen? Ist der auch so
glitschig wie meine Schnecke?"
Die beiden kommen näher. Die Ampel wird grün. Er geht los.
"Jetzt läuft er auch noch weg. Soll sich schämen. Haben sie etwa...
meine kleine hilflose Tochter etwa MITGESCHNACKT?"
Er geht schneller, wendet sich kurz um, grinst:
- "Eher umgekehrt."
Bevor die beiden mich kriegen, fahre ich
schnell wieder los.
"Wenn Du das gefährlich findest, stell Dich doch einfach hinten drauf,
fahr bei ihr mit."
Ich stelle es mir vor und fange an zu lachen. Meine Mutter auf einem
Kinderroller. Bei Teddy würde ich lieber wohnen als bei meiner Mutter,
die den ganzen Tag bloß Klavier übt, aufräumt oder meckert.
Ihr ist alles zu gefährlich. Als die alten Seebären im Park mir Limonade
in eine Schnapsflasche gegossen hatten, zum Anstoßen, riss sie mir mit
Gewalt die Flasche aus der Hand.
"Wir hatten die ausgespült. Ist gar kein Alkohol mehr drin."
- "Aber das sieht so aus. Nachher gewöhnt sie sich dran, geht später auf
Partys - ein Betrunkener kippt auf sie drauf. Und schon ist sie tot.
Kinder werden schnell zum Alkoholiker."
Seitdem spielte ich mit meinen Stofftieren am liebsten Betrinken. Wer
die meisten Flaschen Schnaps verträgt. Gewonnen hatte meistens der
stämmige Hund mit Job als Müllmann.
Meine Mutter ging mit mir nie mehr zu den
Seebären, machte einen großen Bogen um sie, zeigte mir langweilige
Salatbeete.
"Hey Lütte!" riefen die Seebären und winkten mir zu. Ich riss mich los,
rannte hin. Sie nahmen mich auf den Schoß, schenkten mir für die
Badewanne kleine Schiffe aus Plastik.
So ist das also. Was meine Mutter gefährlich nennt, macht in
Wirklichkeit bloß Spaß. Sie merkt, dass jeder sie auslacht. Alle außer
mir. Ich verstecke mich lieber. Da habe ich mehr meine Ruhe. Nächsten
Winter will ich erfrieren. Wenn das nicht klappt, bitte ich den nächsten
Mitschnacker um vergiftete Bonbons.
© Alle Rechte verbleiben bei Franziska
Caesar
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Rolf Schälike
Dieses Dokument wurde zuletzt aktualisiert am 07.07.04
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