Franziska Caesar - 1986
Die Selbstfindung
Ein Mann wollte sich selbst
finden, er überlegte und überlegte, doch ihm fiel nicht ein, wie.
Da kam ihm der Gedanke, es
mit aller Gewalt zu versuchen.
Er schloss sich in ein
leeres Zimmer ein, wo es nur eine Toilette, ein Waschbecken und einen
Spiegel gab, schloss ab und warf den Schlüssel aus dem Fenster.
Ans Essen dachte er erst, als
der Schlüssel schon unten lag.
"Ich muß
sterben", dachte der Mann. "Nicht in 20 oder 30 Jahren, sondern in wenigen
Tagen." Es gab nicht
einmal eine Ablenkung. Der Mann
hatte nur sich selbst, seinen Spiegel, sein Waschbecken und das Klo.
Not macht jedoch
erfinderisch.
Der Mann zog seine Strümpfe aus, füllte sie mit Wasser und ließ es
hinaustropfen. Er konzentrierte sich mit all seinen Sinnen auf diesen
kleinen Vorgang und baute das ganze zu einem Wettstreit aus. Der rechte
Strumpf gegen den linken; wer zuerst leer war, hatte gewonnen.
Dann fiel ihm ein, dass er
aus dem Fenster schauen und nach dem Schlüssel suchen konnte. Vielleicht
ging unten jemand vorbei, der ihm aufmachen konnte. Er öffnete das
Fenster, beugte sich hinunter und sah auf dem Fußweg den Zimmerschlüssel.
Als er lange gewartet
hatte, kam ein 16jähriger Junge vorbei.
"Hey, Du," rief der Mann. Der Junge dreht sich zu ihm um.
"Ich bin eingeschlossen, der Schlüssel liegt vor Deiner Nase. Kannst Du
mal eben hochkommen und aufmachen. Das wäre nett."
"So, nett wäre das, ja?
Verarschen kann ich mich selber."
"Es ist wahr, glaub mir
doch!" schrie der Mann, "ich kann hier nicht raus!"
"Heute ist Rosenmontag,"
sagte der Junge gelangweilt und ging.
Der Mann gab das Warten
auf, es wurde auch schon dunkel. Zum ersten Mal seit langem
versuchte er, ohne Tabletten zu schlafen. Es dauerte sehr lange, bis er
eingeschlafen war, und seine Träume waren wirre Albträume.
Als er am nächsten Morgen
aufwachte, lief er als erstes zum Fenster. Er scheute hinaus und sah
nichts als ein trübes Dämmerlicht. Die ganze Umgebung war verschwunden. Er
versuchte, an der Hauswand hinunter zu sehen, doch er konnte nichts
mehr erkennen.
Ihm war nichts mehr
geblieben, was ihm irgend etwas Wert war. Sich selbst konnte er auch nicht
mehr ausstehen, denn er hatte sich in diese Situation gebracht. Er schaute
auf den großen Spiegel und stellte sich Fragen, die er nicht beantworten
konnte. Sein Denken wurde immer verschwommener. Er erkannte, dass es
keinen Sinn mehr hatte, und zum Schluss saß er nur noch da und glotzte
sich an. Was er sah, veränderte sich.
Fasziniert schaute er das
Wesen im Spiegel an, wie hässlich es doch war. Es hatte so eklig gelbe Augen, zum Glück sah er
selbst nicht so aus. Warum noch einmal war er hier?
Irgend etwas hatte er
finden wollen. Statt dessen sah ihn dieses widerwärtige Wesen an. Gehässig
lachte es ihn aus. Jetzt hatte er Angst hinzuschauen. Der Spiegel
musste verhängt werden.
Er wollte sich seine
Kleider vom Leib reißen, um den Spiegel zu verhängen, doch er merkte: er
war nackt. In seiner Verzweiflung riss er ein Stück von sich selbst
heraus, um den Spiegel damit zu verhängen. Dies gelang, doch wusste er
nicht, was er damit tat.
Er selbst war es nicht mehr.
Nicht mehr gut, nicht mal schlecht, er war nichts!
Er lag auf dem Boden des
Zimmers und wartete auf das Ende.
Nichts rührte sich, alles
blieb so scheußlich, wie es war. Langsam begann er zu ahnen, was Ewigkeit
ist, doch er wusste es noch nicht genau. Das würde er erst am Ende
der Ewigkeit erfahren: nie.
© Alle Rechte verbleiben bei Franziska
Caesar
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Rolf Schälike
Dieses Dokument wurde zuletzt aktualisiert am 05.07.04
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