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Franziska Caesar - Februar 1995

sie haben gesagt: "du mußt sterben"

sie haben gesagt: "du mußt sterben." sonst nichts. weder zähneputzen noch fußböden, keine lästigen immergleichen wege zurücklegen im regen.

zum glück ist jetzt sommer.

und so lange ich lebe, wird es auch so bleiben.

sie haben ein stück hang für uns reserviert, das ist gut: keine verkrampft traurigen frager, die sich noch nicht einmal trauen, ihre fragen nach gründen unserer guten laune zu stellen. keine verwandten, die in wochen alles gut machen wollen, was ihnen jetzt erst einfällt.

keine mit trügerisch sicherer zukunft: NUR STERBENDE.

"so wenig zeit nur noch: die für dich bestmöglich zu gestalten, ist kein problem."

richtig geld geben die aus, nur um uns vom hals zu haben mit unseren jammernden wünschen, röchelndem atem und der - noch - lebenden drohung allgemeiner sterblichkeit.

"was möchtest du anziehen?"

den grauen overall mit kapuze und applizierten metallschlangen. 100% baumwolle. als sterbender schwitzt man mehr.

"du kannst dir auch selbst was ausdenken."

"hab`ich doch eben. so sehr, dass es alles schon gibt."

verstehbar.

"und nun laßt mich in ruhe. ich will auf die wiese."

"ja, natürlich."

und auch dieser menschliche schatten hüpft davon, zu neuen aufgaben. zum glück habe ich davon keine mehr.

auf dem hang, miener wiese, lege ich mich auf den rücken und blinzle in sonne. besonders heiß ist es nicht, aber in mir kocht das fieber. drang, mich zu bewegen, habe ich nicht.

wer ich bin, brauche ich nicht extra zu zeigen, man sieht`s ja an meiner kleidung.

Am besten sind die metallschlangen, verchromt, drei stück, unten vom rücken bis zur kapuze unter meinem scheitel, wo sie ihre mäuler mit spitzen zähnen öffnen.

"hi!"

neben mir ein schwuler. er ist in schwarz, mit unzähligen makellos weißen engen ledergurten.

er ümmelt sich neben mich.

einundzwanzig ist er, nicht fünfundzwanzig wie ich. und hat mindestens genau so viel schlimmes erlebt wie ich. das hält ja keiner aus. deshalb so cool.

deshalb darf - MUSS er schon sterben. sagt, er freut sich drauf.

herrlich, wie seine krankheiten toben in dem jungen leib. findet er auch. schmerzen gibt`s nicht.

wir haben ja genug morphium.

"die gurte, die sind nur, damit`s mich nicht auseinanderreißt. vielleicht fließe ich mal drunter `raus, wenn`s mal so weit ist!"

wir müssen lachen.

sein gesicht mit den blonden augenbrauen ist bleich und hager.

"sieht gut aus, paßt zu schwarz. ob ich`s heute wohl hinkriege? bin schon neugierig!"

"probier`s einfach!"

"hey, diese sonne!"

er setzt seine dunkle brille auf und schaut jetzt genau hinein - mitten in die sonne.

manchmal trinkt er irgend etwas mit viel alkohol und eiswürfeln. "das ist schlecht für die gesundheit. ist jetzt völlig egal."

die krankheiten in ihm höre ja sogar ich schon kochen.

brodeln.

wir schweigen.

ich lausche meinem eigenen.

"ob`s wohl weitergeht danach?"

hoffentlich nicht.

einmal ist`s mir ja schon passiert. erst schleichend, dann plötzlich ein blick: "ich." die materie bildet klumpen bestimmter ordnung und schaut mal wieder sich selbst an.

lüge: räume zwischen kreisenden elektronen sind weit, aber nicht sichtbar. nicht für uns. die materie schaut, ausformungen abgewandelt, immer wieder sich selbst an. wenn noch mal das: bitte ohne erinnerung!

als das alles mir so klar ist, versiegt in mir die siedende stimme meines fiebers.

der andere grinst.

"hey, werd` bloß nicht gesund! viel spaß!"

"schnauze! stirb du man da hinten und mach` dich dabei auch noch über mich lustig!"

er nickt schwach. sein sterben macht schnelle fortschritte. er lächelt.

verdammt, geht es ihm gut!

ich dagegen, ich werde irgendwo anders hingespült, ins reich eingebildeter pflichten, wo das sterben, von vielen unerkannt, ohne fieber, sehr geschäftig und sehr viel langsamer...

wo auf jedem anheben eines fingers die drückende last folgender stunden, tage, jahre, festzulegender konsequenzen...

alles alltäglich...

...zu sein scheint.

wie in unseren augen sonne.

mitleidig lächelt mich der sterbende an, als ich so gesund bin, dass ich liegen und nichtstun nicht mehr ertragen kann.

"warte, du. ich hab` zeit."

© Alle Rechte verbleiben bei Franziska Caesar

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Dieses Dokument wurde zuletzt aktualisiert am 09.11.03
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