Selbstsgespräch eines Schwindlers
Ich muss Dir sagen: "Mein lieber Partner und Freund," offenbarte mir listig Klaus-Christian, "als kleiner Bruder wurde ich von meinen Geschwistern nie ernst genommen. Sie liebten mich wohl, und mit all meinen Streichen und Ausreden hatten sie schon als Kinder keine Probleme. Meine sich häufenden kleinen Schwindeleien und Gemeinheiten ..., hm ..., habe ich denen gut verkauft - würde ich heute sagen. Sie wurden immun, weil sie mich liebten. Heilige waren sie außerdem auch nicht gerade." "Und Dein Vater, überließ er die Erziehung Deinen Geschwistern?" mit den Gaunereien von Klaus-Christian schon praktisch vertraut, warf ich neugierig ein. Denn den Vater, den ich gut kannte, konnte ich nicht einschätzen. "Oh, nein. Er war streng aber eben gewieft. Unsere Familie war fröhlich und lebhaft. Meckerten oder petzten meine Geschwister, dann belehrte mein Vater die beiden Brüder zum hundertsten mal ´Kinder lügen und klauen nicht´ Gerhard und Manfred mussten begreifen, Lotte, die älteste, stand so und so über dem allen. Sie mischte sich nie ein." "Du hast also Tricksen und Schwindeln von Kind an gelernt und was sind nun so Deine Lebensmaxima als Versicherungsfritze?" fragte ich, die Offenheit von Klaus-Christian nutzend, diesen mir immer fremder werdenden Menschen. "Geben ist besser denn Nehmen. Verzicht macht mich zu einem wertvollen Menschen," kam es wie aus einer Pistole geschossen. Diese seine offensichtliche Lüge erläutere er mir sehr kompliziert, verhedderte sich, blieb aber bei seiner einfachen Weisheit. Auf mein verdutztes Schweigen sprach er in mein blödes Gesicht, "Weißt Du, das gilt natürlich nur für uns in der Familie. Du gehörst auch dazu." Wir sind nämlich verwandt. Mir entpuppten sich zwei Menschen, ein diebischer Lügner und ein durchrissener gebender Asket. Von den von mir spendierten Bordeaux-Weinen hatten wir schon eine Flasche geleert. Klaus-Christian trank das meiste und verschlang dazu gierig den Käse und die harte Wurst. "Mir gelang es, diesen Grundsatz, obwohl ich zugegebener Weise so gerne und wo ich nur kann stibitze - egal, ob das ein Bleistift, ein Kugelschreiber oder gar ein Garten-Keramikofen unseres Büronachbarn, zum Familiencredo zu erheben und meine Lieben damit an mich zu binden," lächelte mich Klaus-Christian ernst und bestimmend an. Nach der zweiten Flasche und nachdem es keinen Käse und keine Wurst mehr auf dem Tisch in der Küche gab, offenbarte sich mein Partner noch offener: "Meine Frau ist reich, doch mir hat es der Gott nicht vergönnt, reich zu werden. Meine Frau ist sexy, ich mache es am liebsten gleich in der Küche. Ich bin leider klein und hässlich und fand den Ausweg: ´Alle meine Familienmitglieder sind gleichgestellt. Unterschiede existieren praktisch nicht und dürfen auch nicht angesprochen werden´. Kannst Du das verstehen?". Ich konnte es nicht verstehen. Ich nahm es einfach hin. Dann gestand er lachend: "Meiner Frau und die beiden Töchterchen haben natürlich so manchmal Autonomie und Abstand gewollt. Das habe ich im Keime erstickt. Es war nicht leicht. Ich musste überall dabei sein, zu allem etwas sagen, mich in alles einmischen, langweilige Sachen mitmachen. Kinderspiele und -albernheiten ernst nehmen. Die Töchter fuhr ich in die Schule und zum Arzt. Deren Freundinnen musste ich kennen lernen und jede Abnabelung der Mädchen von mir und meiner Frau habe ich denen eigentlich unmöglich gemacht. Ihre Erfahrungen sollten meine Kinder in meiner Familie machen. Als die Mädchen klein waren, ist mir das bestens gelungen." Ich fragte nach Details. Hätte die Frage lieber unterdrücken sollen. Mir offenbarte sich eine fremde Welt. Nur noch Liebe und Fürsorge. Dann der Sprung. Die dritte Flasche des halbtrockenen Bordeaux wurde geöffnet. "Oh, dann kam die Pubertät meiner Älteren. Gleichaltrige Mädels und Jungen wurden wichtiger als ich und meine Familie. Es kam zu häufigeren Konflikten, die ich zu zerreden verstand. Da war ich Profi. Das Versicherungsgeschäft florierte. Die Schulungen hatten auch persönliche Bedeutung. Ich strebte zur Harmonie. Dass diese nur scheinbar war, ahnte ich, aber was sollte ich machen. Jeglichem Streit ging ich aus dem Wege. Die Familienverbindungen wurden immer sensibler. Mein Problem waren deren Großeltern. Ich durfte meine Mädels mit Opa und Oma nie allein lassen. Beziehungen zur Außenwelt verhinderte ich wo ich konnte." "Weißt Du was, Partner, Gefühle sollten beherrscht, besonders feindselige und böse Gefühle sollten gänzlich unterdrückt werden. Dies gilt auch für das Essen. Wir trinken und essen jetzt zwar ausgiebig, das kann nicht die Regel sein. Ich möchte meinen Geiz ausleben." Da begriff ich, warum er so oft um Zigaretten bittet, ohne diese jemals zurück zu geben. Meine Tochter machte mich darauf aufmerksam. Ich hätte es übersehen. Ich wusste, die Familie sparte am Essen. Wurden wir eingeladen, dann erhielten wir Kuchenkanten und den Kuchenbruch. Auch alles andere war vom Billigsten. Gierige Augen passten auf, dass nicht alles aufgegessen wurde. Die Essenszeit mit den Gästen war kurz bemessen. Das meiste wurde wieder in die Küche getragen. Ich wusste, feste Regeln und fixe Zeiten für die Essensgewohnheiten waren dieser Familie heilig. Das Wort "Lust" war in den Gesprächen mit den Gästen tabu, obwohl mein Partner mir offenbarte, dass er immer Lust zum Sex verspüre, gern mit dem Auto rase, segle und große Freude durch die Anerkennung von anderen genieße. Er schämte sich ständig und fühlte sich immer schuldig. Mir sagte Klaus-Christian: "Scham- und Schuldgefühle prägten unser Zusammenleben als Familie und als Individuum. Neid, Eifersucht, Zorn und Wut durfte sich nur ich leisten. Die Frauen durften diese Gefühle nicht haben." Komisch war der Widerspruch, wie ich ihn in der Firma und zu Hause erlebte. In der Firma großkotzig und sicher, zu Hause der liebe, bescheidene aufmerksame Papa. Vor dem Besuch erhielt ich Verhaltenshinweise. "Erzähle meiner Frau nicht, dass ich gestern erst um zwölf in die Firma kam," war einer davon. Das Gerede der Nachbarn und Kollegen empfand Klaus-Christian als abscheulich und unerträglich. Ein lang gezogenes "Äh" aus dem Ekel ausdrückendem Gesicht was das Einzige, was er für seine Umgebung übrig hatte.. Es gab für ihn einen Ausweg. Die Normen der Nachbarn und Kollegen mussten Gesetz werden. Daran ist Klaus-Christian wohl zerbrochen, denn er konnte Gut und Böse nicht mehr unterscheiden. Askese, Sparsamkeit, Verzicht und Unauffälligkeit war ihm noch zugänglich und wurde in seine Familie übernommen. Formales Pflichtbewusstsein wurde zum Ziel. Mir erklärte er stolz: "Man sieht in uns tüchtige und strebsame Menschen und ich werde geachtet. Meine Töchter fielen in der Schule immer durch gute Leistungen im Unterricht - auch im Sport - auf. Sie waren und sind leistungsorientiert, unauffällig und sozial engagiert," und verkündete stolz weiter, "die Töchter haben wir gleich behandelt, auch wenn es die Mädels anders sahen." Lachend mit Übergang zum Lallen hörte ich dann den stolzen Vater: "Das Abnabeln vom Elternhaus habe ich verhindert und werde es immer zu verhindern wissen. Trennung von der Familie wäre doch der Tod für meine Töchter. Ich musste mich von Jahr zu Jahr immer mehr um meine Töchter kümmern." Seine Ehe ist eine stabile Vernunftehe. Natürlich gibt es einem Ehevertrag. Seine Frau ist ihm treu. Die Sexualität spielt in seiner Ehe, eine untergeordnete Rolle, gestand er mir seinerzeit nüchtern, obwohl er nur an Sex denke.
Nach der dritten Flasche lallte er: "Als meine ältere Tochter herrliche weibliche Rundungen bekam, wurde es für mich schwieriger, über Sex zu Hause nicht zu reden. Ich verliebte mich buchstäblich in meine zur Frau werdende Tochter. Du weißt schon, was ich damit meine." Ich wusste, dass die ältere den Zudränglichkeiten durch Abmagerung aus dem Weg ging. Das "Frau werden" unterdrückte sie mit Hungern. Der lebensbedrohlichen Abmagerung wurde noch mehr Zuwendung entgegen gebracht. Das Jugendamt schaltete sich ein. Als das alles nicht mehr ging, wurde sie in der Abiturklasse schwanger und verschwand aus dem Elternhaus. Ich hörte dann meinen lallenden Partner: "Meinen Enkel liebe ich abgöttisch. Habe nur große Befürchtungen, dass er nicht alt wird, denn sein Onkel und Großvater haben sich das Leben genommen. Beide waren zu sensibel." Dann fuhr er mit dem Wagen nach Hause. Zu Trinken und Essen hatten wir ohnehin nichts mehr. Die Flaschen und der Kühlschrank waren leer.
Eins hatte die Magersucht seiner Tochter
Gutes. Die latenten Spannungen und Probleme in seiner Familie wurden durch
die neue Aufgaben und gemeinsame Sorge ersetzt. Das Leid um seine Tochter
lenkte von anderen Schwierigkeiten ab. Sein Bruder erzählte mir später, Klaus-Christian meine, dass seine Tochter Schuldgefühle besäße und hilft ihn in den Auseinandersetzungen mit mir, seinen früheren Partner. Außerhalb seiner Familie kann sie nicht mehr leben. Jetzt studiert sie Jura und hilft ihm bei den Rechtsstreits mit mir. Ihr Mann kann mich nicht ausstehen und hat für Klaus-Christian jetzt den Internet-Auftritt kreiert. "Ich muss dir sagen, die Magersucht hat auch etwas Gutes und Schönes" - diese böse gestammelten Worte aus dem mir verschmitz zugewandten betrunkenen Mund verschmutzen bis heute mein Hirn. Zurück zum Inhaltsverzeichnis "Nahe Menschen"
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Rolf Schälike |