Selbstgespräch eines geborenen Schwindlers - von Rolf Schälike Geboren bin ich in Chemnitz, kann auch Leipzig oder Dresden gewesen sein, jedenfalls in einer Kleinstadt und ich bin in einer bornierten und beschränkten Umgebung aufgewachsen. Das ist mir aber erst später bewusst geworden. Obwohl ich mit meinem Vater und meiner Mutter schon in den fünfziger Jahren als Kind mit nach dem Westen verschwand, und als Erwachsener meine Grenzen erkannt habe, werde ich niemandem und niemals meine Borniertheit zugeben. Leider bin ich auch im Westen in Schwaben in einer Kleinstadt aufgewachsen. Das war zwar die deutsche Uhrenschmiede, aber leider eben auch ... . Diese Stadt hat es nicht geschafft, Deutschland als Uhrenschmiede zu erhalten, geschweige denn weiter zu entwickeln. Ich wollte aber groß hinaus. Niemand hat es mir beigebracht, wie das funktioniert. Da habe ich mich fürs Schwindeln entschieden, zumal das damit bei mir schon als Kind, später in der Schule und als Erwachsener zu klappen schien. Zunächst musste ich eine reiche Frau heiraten und einen Hochschulabschluss machen.
Das Schwindeln entwickelte meine Phantasien, ich wurde schöpferisch, das erkannten auch andere, die mich oft ertappten, aber mir auch verziehen. Zum Studieren fuhr ich ins Ruhrgebiet. War sogar aktiv unter den 68ern. Das bilde ich mir wahrscheinlich auch nur ein - ist ja schon lange her - und erzähle das auch allen. Ich war ein Linker. Die Linken 68er wollten ja Karriere, waren damals außen vor, wie ich. Der Scharping schwärmte von der Planwirtschaft in der Sowjetunion und der DDR. Mit dem habe ich zusammen gekämpft. Das erzähle ich heute hämisch und distanziere mich von den Linken. Man kann aber nie wissen, wie sich das Blatt wendet. Überprüfen kann meine Aktivitäten niemand. Da erzähle ich gerade das, was die anderen hören möchten. Geld verdienen ohne Leistung habe ich schon früh in den sechziger Jahren bei den Bauern gelernt. Wir schrieben nur Stunden auf, arbeiteten aber nicht. Die Mädels, die Sonne und das Baden waren uns lieber. Die 5,00 Mark pro Stunde erhielten wir trotzdem. Damit gewann ich die praktische Erkenntnis, Geld kann auch ohne Leistung verdient werden. Dass Schwindeln auch Leistung abverlangt, hatte ich zunächst nicht bedacht. Das Leben korrigierte später sehr hart meine Erkenntnisse. Aber da war es schon zu spät. Ich war verschuldet, und konnte nur noch über neue Schulden und Versprechen aus dem Schuldenloch rauskommen. Die Schwindelmaschine, d.h. ich, lief auf vollen Touren. Das Studium habe ich natürlich abgebrochen. Wozu auch. Niemand verlangt von mir das Stück Papier, das Diplom heißt. Da kann ich einfach behaupten, ich bin Diplom-Wirtschaftsingenieur. Klingt gut. Meinen Kindern habe ich beigebracht, den Widersprüchen in den Erzählungen anderer und dem, was sie von mir wissen, nicht nachzugehen. Ich bin der, der meine Töchter liebt, die anderen wollen von ihnen nur Schlechtes.
Sex ist mein Hauptproblem. Ich bin ein Mann, wie viele andere. Leider bin ich klein und hässlich. Ich weiß, dass sich viele vor mir ekeln. Ich rede lieber vom Sex. Wenn es zur Sache kommt, dann kneife ich einfach. Und trotzdem brummt es in meinem Kopf immer nur von Sex. Ich sehe mir gerne Pornos an, tausche diese wolllustig mit meinen Brüdern und Freunden. Mein PC ist damit voll. Viren nehme ich gern in Kauf. Real sieht es mit dem Sex bei mir aber schlecht aus. Ich freue mich, dass meine Frau eifersüchtig ist. Das ist mir lieber als Orgasmen. Ich möchte pervers sein, traue mich aber nicht. Als meine Töchter aufwuchsen, konnte ich mich nicht beherrschen. Die Ältere wurde magersüchtig. Die Jüngere wurde krank und leidet chronisch. So haben sie sich vor mir geschützt. Meine liebe Frau, sehr gläubig, musste zu mir halten. Was blieb ihr denn auch übrig. Ich wurde ja auch gläubig und betone das heute, wo ich es nur kann. Auch mit den Scientologen liebäugele ich. Beruflich wandte ich mich einer Schwindelbranche zu, den Versicherungen. Am meisten Spaß machten mir die Schulungen, wie man die Leute über das Ohr hauen kann. Ich lernte die Bedeutung des Kleingedruckten, des sinnlosen Bequatschens bis zur Unterschrift. Ich lernte, nach dem Mund zu reden, ohne Verpflichtung und Inhalt. Schönreden und Angstmachen geilten mich auf. Pyramiden, Schneeball-Systeme wurden zu meinen Vorbildern. Ich wollte groß raus. Beriet Vorstände, ging Bürgschaften ein, wollte klüger sein als die anderen. Das Geschäft lief, meine Frau schoss ihr Geld im Vertrauen auf mich und zur Schadensbegrenzung - ha, ha, ha, - dazu. Dann flog alles auf. Es gelang mir nicht, die Schuld dem Vorstand und den anderen zuzuschieben. Ich war im Schwindeln doch noch nicht Meister.
Mit mehr als 500.000,00 Mark Schulden zogen wir in eine Mietwohnung. Ich versuchte meinen Lebensstil zu halten. Das Auto schenkte mein Schwiegervater meiner Frau, verbot ihr zwar, mich damit fahren zu lassen, aber ... . Segeln konnte ich mit meinen alten Freunden. In der Schweiz hatte mein reicher Jugendfreund eine Villa. Es störte ihn nicht, wenn wir dort Urlaub machten. Auch mein Schwiegervater stellte sein Haus am See unserer Familie, seinen Enkelinnen und seinem Urenkel zur Verfügung. Mich konnte er nicht rausekeln. Blöd war nur, dass alle Geld hatten, ich aber Schulden. Ich musste mich ändern, besser gesagt, den anderen Änderung vortäuschen. Ich schlich mich in eine Firma als Gesellschafter und alleinvertretungsberechtigter Geschäftsführer ein. Das war die Gelegenheit. Die anderen Gesellschafter und Geschäftsführer waren Techniker und Wissenschaftler, die verstanden nichts von Wirtschaft und der Bedeutung von Lug und Trug. Es waren Workaholics, die es nicht zu Millionen gebracht hatten. Mich ließen sie schalten und walten. Die seriöse Firma im Hintergrund, gewann ich etwas Vertrauen beim Schwiegerpapa, bei meinem alten Freund und konnte bei diesem Geizkragen mehr als 100.000,00 EUR an Investitionen rausleiern. Ans Zurückzahlen dachte ich nicht, die hatten ja genug Geld und wurden durch mich nicht ärmer. Schuldige konnte ich denen notfalls immer präsentieren. Ich zockte ab, ließ die Firma in die Insolvenz gleiten. Mein eingezahltes Risikokapital von 150.000,00 habe ich unbemerkt rausgeholt und wollte beim Abgang mir noch einmal die 150.000,00 ziehen. Eine Verdoppelung des investierten Kapitals in 2 Jahren sollte das Geschäft meines Lebens werden, denn es wurde höchste Zeit. Ich habe vor, mit meiner Frau im Alter die Zeit gemeinsam noch frei und unabhängig zu gestalten. Da interessieren mich meine Partner nicht. Diese Workaholics sind selber schuld, so dumm zu sein. Dann wurde ich einen Monat zu früh erwischt. Jetzt muss ich beweisen, dass ich betrogen wurde. Auch das habe ich gelernt. Meine früheren Prozesse, die ich alle verlor, waren zugleich auch Schule. Ich verlor nur wegen der eidesstattlichen Versicherungen der Gegenseite und deren falschen Zeugenaussagen. Da bin ich aber lernfähig, habe jetzt schon vier falsche eidesstattliche Versicherungen abgegeben und baue auf falsche Zeugenaussagen. In meinen Klagen und Schriftstücken gibt es mehr als 200 Lügen. Das glaubt kein Richter, wenn diese Typen das dem Gericht vorlegen. Also werde ich gewinnen, obwohl meine Schulden steigen und steigen. Inzwischen sind es fast eine Million Euro. Die hole ich mir von meinen früheren Partnern, auch wenn die kein Geld und Besitz haben. Das ist mir egal. Ich muss nur noch durchhalten, bis mein Schwiegerpapa stirbt, na, und die Schwiegermama dazu. Dann ist meine Frau Millionärin. Die werde ich schon überzeugen, wie mit den anderen zu verfahren ist. Sie kann meine Schulden abzahlen. Wozu hat sie mich auch geheiratet und sich betrügen lassen. Selber schuld. Wozu habe ich all die Jahre gelernt, gearbeitet und geschwindelt! Wozu habe ich all die Jahre meine Nächsten betrogen, meine Töchter krank gemacht, mich erniedrigt, Arschtritte eingesteckt, mir Pornos angesehen und zu oft auf schönen Sex verzichtet! Zurück zum Inhaltsverzeichnis "Nahe Menschen"
Bitte senden Sie Ihre Kommentare an
Rolf Schälike |