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Rolf Schälike



 
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Sechs Tage in UHA Holstenglacis, Hamburg - Rolf Schälike - April - November 2005

Gewidmet Horst-Wulf Lehmann

Vorwort; Jetzt kann ich berichten; Mitbringen dürfen Sie:; Die Zelle 27; Inschriften; Das Essen;

 Die Beamten; Der Alltag; Nachwort

Vorwort

Vor fast dreißig Jahren wurde mein guter Freund, Helmut Warmbier, in der DDR festgenommen und zu mehr als zwei Jahren Haft verurteilt wegen Weitergabe sechs eigener Gedichte an lediglich zwei Personen. Im Gegensatz zu Prof. Porsch verlor Helmut Warmbier seinerzeit als aus der SED Ausgeschlossener seine Stelle als Dozent an der Leipziger Universität.

Er wurde in die Produktion geschickt, und nach einem Jahr "Bewährung" durfte er Kfz-Mechaniker werden. 3 Jahre später reparierte er im Knast die Stasi-Fahrzeuge, hauptsächlich Wartburgs.

Über seine Knasterlebnisse berichtete er wenig. Was sollte er auch. Irgendwie hatten die anderthalb Jahre für seine Seele keine Bedeutung. Schlimmer war es allerdings für seine in Freiheit gebliebene Frau. Sie hat diesen Stasi-Unsinn nie überwinden können, leidet bis heute.

Damals, 1977,  hatte ich keine Lust, in den Knast zu gelangen. Unerwünscht für bestimmte Leute der Staatsmacht zu sein, störte mich nicht. Den Knast wollte ich aber nicht kennen lernen.

Meinen Freund, Helmut Warmbier, hatte ich jedoch vor zu retten; deshalb begab ich mich direkt in die Höhle des Löwen, zu Markus Wolf, dem weltberühmt-berüchtigten Geheimdienstprofi. Im Kreise unserer Familie wurde er liebevoll Mischa genannt. Die topgeheime Privatnummer zu bekommen, war für mich kein Problem.


24.03.2005, 11:00 Rolf Schälike, Holstenglacis
 Haftantritt am falschen Eingang
Ist ja der Besuchereingang

Meinem Freund hat er nicht geholfen, mich jedoch beruhigt, dass für die Bücherverbreitung in der DDR niemand verurteilt werden kann. Ausnahmen: faschistische Literatur und Pornografie.

Im Orwelljahr 1984 wurde nun auch ich verhaftet und nach 7 Monaten für die Verbreitung von 7 Büchern in 13 Fällen verurteilt zu 7 Jahren Zuchthaus. Statt Pornografie oder faschistischer Propaganda thematisierten diese Bücher  hauptsächlich Menschenrechte.

Mein Versuch, die Aussage des stellvertretenden Stasiminister zu meiner Entlastung ins Verfahren einzubeziehen, musste scheitern. Selbstverständlich wurde Mischa,  "Garant" meiner Freiheit, als Zeuge nicht geladen.

Zehneinhalb Monate saß ich im Stasi-Untersuchungsgefängnis Dresden. So gehöre ich jetzt zur Bruderschaft der erfahrenen Knackis.

Später in Hamburg war es mehr als nur ein Abenteuer, zu versuchen, in den heutigen deutschen Knast hinein zu kommen.

Als Dolmetscher gelang mir das nicht, da die Knastbrüder ins Richterzimmer geführt werden, wo gedolmetscht wird. Den Knast von innen zu erleben, war mir nicht vergönnt.

Ich betreue einen Obdachlosen, und besuchte diesen mehrmals im Gefängnis. Auch dort lernte ich kaum mehr als die Eingangskontrolle kennen; ein paar Beamte im Umgang mit den Besuchern, dazu die Sporthalle, zeitweilig genutzt als Busucherraum. Sport getrieben wurde jedoch nur von Personen im Besitz sauberer Turnschuhe, also von fast gar keinem, berichtete grinsend der Obdachlose.

Viel mehr über den deutschen Knast konnte ich nicht erfahren. Am eigenen Leib gegönnt hat mir diese Erfahrung Herr Andreas Buske, Vorsitzender Richter der Zivilkammer 24 - auch Pressekammer genannt - des Landgerichts Hamburg.

Natürlich  nicht allein.
Bestätigung erhielt er von Frau Dr. Raben, Vorsitzende Richterin am 7. Zivilsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts.

Sie verpassten mir 3000,00 Euro Ordnungsgeld bzw. 6 Tage Ordnungshaft, "ersatzweise für den Fall, dass dieses nicht betrieben werden kann".

Was heißt "nicht betrieben werden kann"? Konnte mir keiner erklären. Selbst meine vielen Rechtsanwälte nicht. Heute weiß ich, dass ich das Recht habe, selbst zu wählen zwischen Ordnungsgeld oder Ordnungshaft, selbst wenn ich einen vielfachen Betrag des Ordnungsgeldes persönlich besitze.

So ist nun einmal die Sprache von Andreas Buske, dem Oberwärter der deutsche Sprache in der fleißigen Pressekammer Hamburg, abgesichert durch Gesetze, Urteile des BGH, des Verfassungsgerichts, und nicht zuletzt durch seine verbriefte Unabhängigkeit, im Namen des Volkes zu entscheiden.

Knast habe ich natürlich vorgezogen. Bis ich von meinem Recht auf Knast erfuhr, zahlte ich schon auf Raten, welche mir die Justiz ohne Federlesen erstattete.

Wen an dieser Stelle der Grund für die Ordnungshaft interessiert, ist dieser einfach zu erklären:

Mir wurde durch eine einstweilige Verfügung verboten,

1. zu behaupten, der Antragsteller habe im Gerichtssaal in einer Verhandlung vor dem Landgericht Hamburg am 09.09.2003 die Äußerung "Das war Scheiße" abgegeben,

2. in Bezug auf den Antragsteller zu verbreiten:

Landgericht
Datum 09.09.2003
Dem Rechtsanwalt - und ich nannte ihm beim Namen - kam die Erkenntnis. RA im Gerichtssaal: "Das war Scheiße".

Ich habe nach diesem Verbot den Internetauftritt geändert in:

Landgericht Hamburg
Datum 09.09.2003
Vom Rechtsanwalt hörten wir im Gerichtssaal sinngemäß: "Das war Scheiße!"

Herr Andreas Buske meinte und Frau Dr. Raben bestätigte, dass auch das durch den Tenor der einstweiligen Verfügung verboten worden war.

Inzwischen haben die Verfassungsrichter Papier, Hoffmann-Riem und Verfassungsrichterin Hohmann-Dennhardt die oben beschriebene richterliche Denkweise bestätigt.

Endlich war mir mein Knast sicher.

Jetzt kann ich berichten

"Draußen" und "drinnen"

Details, welche "draußen" keine Rolle spielten, gewinnen im Knast sofort an Bedeutung. Die mögliche Erlebnismenge ist im Knast naturgemäß kleiner als "draußen", doch ungeachtet dessen unendlich größer, als je ein Mensch diese zu verarbeiten vermag. Das führt zur inneren sowie äußeren Freiheit auch im Knast.

In Dresden saß ich in der Stasi-Untersuchungshaft, welche den Erzählungen nach im Gegensatz der U-Haft in der Dresdner Schießgasse der Polizei für die Nichtstasi-Gefangenen nichts anderes war als purer Luxus. Die Vollzugsanstalten waren später für alle Häftlinge gleich. Für die Stasihäftlinge bedeutete die Überführung von U-Haft in ein Vollzugsgefängnis eine Verschlechterung; für die Nichtstasigefangenen vermutlich eine Verbesserung, wie heute üblich in ganz Deutschland.

In Hamburg beschloss Richter Andreas Buske, mich einzuweisen in die Untersuchungshaftanstalt Holstenglacis für nicht politische Häftlinge. Im heutigen Deutschland gibt es kein Pendant zu DDR-Stasi-Untersuchungshaftanstalten; für politisch motiviertes privilegiertes Sitzen. Das System einer "nichtentehrenden" Freiheitsstrafe, der so genannten Festungshaft ist Ende des 2. WK abgeschafft. Somit wird jeder Gefangene entehrt. Keine Stasi-U-Haft, auch keine Festungshaft.
Den Ort des Strafvollzugs wählen konnte ich in Hamburg nicht. Oft wird dies Verurteilten ermöglicht. In meinem Fall jedoch entschied die Zivilkammer 24 anders.

Interessant ist in diesem Zusammenhang folgender HansOLG Beschluss vom 10.06.2005, welchen die Zivilkammer 24 (Richter Buske) kennen und beachten sollte.

Eine Untersuchungshaftanstalt ist für einen Gefangene im heutigen Deutschland unangenehmer als die Vollzugsanstalt. Das ist nicht jedem "draußen" bekannt.

Gegenüber einem Vollzugsgefängnis besitzt der Gefangene einer Untersuchungshaftanstalt wesentlich weniger Rechte und Möglichkeiten. Er hat noch was zu verbergen, deswegen sitzt er ja auch in einer UHA. Ein Gefangener, der eine Haftstrafe absitzt, kann nichts mehr verbergen, das Urteil ist längst gefällt.

Weshalb die Zivilkammer 24 mit dem vorsitzenden Richter Andreas Buske mich ausgerechnet in die Bedingungen einer Untersuchungshaftanstalt gepresst hat, bleibt deren Geheimnis. Versetzt Richter Buske mich das nächste Mal für längere Zeit nach Holstenglacis, so werde ich im Gegensatz zu normalen Vollzugsgefangenen keine Möglichkeiten erhalten zum offenen Vollzug. Denn die Untersuchungshaftanstalt Holstenglacis kann diesen trotz des HansOLG Beschlusses vom 10.06.2005 nicht gewährleisten.

Offener Vollzug widerspräche deren UHA-Natur, d.h. deren Zweck. Den Beamten und dem Gebäude derart Multifunktionalität abzuverlangen, überfordert alle, sowohl die Beamten und deren Leitung als auch das alte Gebäude mit seiner inhumanen Zweckbestimmung, unrühmlicher alter und neuer Geschichte.

Ich beschloss, die sechs Tage abzusitzen über Ostern.

So hielt unsere Firma den damit erlittenen Verlust möglichst gering. Die Kunden arbeiten nicht über Ostern. Über Ostern ist im Knast auch am wenigsten  los, also habe ich mehr Ruhe, kann mich meinen Interessen, dem Bücherlesen, widmen. Meine Familie half durch Aufbringen des nötigen Verständnisses.

Ich musste mich vorbereiten.

In der Ladung zum Strafantritt der Zivilkammer 24, deren Vorsitzender, Herr Richter Andreas Buske ist, war folgendes zu lesen, beginnend mit dem Abschnitt "Allgemeine Hinweise":

 

Mitbringen dürfen Sie:

.... einige Bücher zur Fortbildung oder Freizeitbeschäftigung ...

Heute weiß ich, dass nach Andreas Buskes Sprachverständnis, dieser Hinweis durchaus stimmen kann.  Bilden Sie sich nicht ein, sie dürften diese Bücher auch noch lesen. Mitbringen bedeutet noch lange nicht das Recht, die mitgebrachten Bücher auch noch ausgehändigt zu bekommen.

Das weiß doch jeder durchschnittlicher Deutscher sowohl auf der Straße als auch in der Kneipe.

Über die Aushändigung entscheidet die Anstaltsleitung. Sie entscheidet jedoch, dass bei Haftantritt mitgebrachte Bücher nicht ausgehändigt werden. Kaufen kann man Bücher, doch auch nur in von der Haftanstalt zugelassenen Buchläden oder Buchversandhäusern. Es ist wie mit dem Geld. Mitbringen darf man es, wann jedoch damit eingekauft werden darf, entscheidet verantwortungsvoll die Anstaltsleitung. Einen Unterscheid gibt es zwar, Geld sieht der Gefangene NIE, bei so genannten "Einkäufen" wird  verrechnet. Mitgebrachte Bücher dagegen werden im Falle der Aushändigung zum Gefangenen direkt in die Zelle gebracht.

Es kann auch sein, dass Bücher nicht mitgebracht werden dürfen. Das heißt, Bücher dürfen nur aus der Haftanstaltsbibliothek und mit Genehmigung der Haftanstalt aus dem Fach- und Versandhandel gekauft werden. Das sieht die UHA-Hausordnung vor. Mit richterlicher Erlaubnis dürfen auch noch andere Bücher ausgehändigt werden. Das Merkblatt der Zivilkammer 24 könnte eine solche richterliche Erlaubnis enthalten; hat sich bis jetzt nicht in der UHA Holstenglacis rumgesprochen. Den richtigen Gebrauch der deutschen Sprache setzt unser oberster Sprachaufpasser Buske eben nicht überall durch.
Die Folgen seiner weit reichenden Entscheidungen interessieren ihn vermutlich nicht besonders. Hauptsache, dem Gesetz ist im Rahmen der richterlichen Unabhängigkeit, nachgeholfen mit finanziellem Druck, Genüge getan.

Telefonisch hatte ich mich vor Haftantritt in der Anstalt erkundigt, ob auch fremdsprachige Literatur in die UHA mitgebracht werden darf. Da von der Anstalt nicht verlangt werden kann, dass deren Beamten in fremden Sprachen lesen, vermutete ich die Möglichkeit eines Verbots des Mitbringens fremdsprachiger Literatur.
Die klare Antwort "natürlich dürfen sie diese mitbringen" hätte mich stutzig machen müssen.

Nun bin ich über Ostern, in der Hoffnung das halbe dutzend mitgebrachter Bücher lesen zu können, blauäugig erhobenen Hauptes in die UHA Holstenglacis einmarschiert.

Was mir abgenommen wurde:

  • Geld - das wusste ich vorher; ein Vergleich mit den Büchern und den anderen zum Mitbringen erlaubten Sachen hätte mir den ersten Konflikt erspart
  • meine Telefonkarte
  • meine EC-Karte
  • meine Bahncard
  • meine Reisetasche
  • meine Tena-Windeln, denn ich leide nach einer Oparation unter Inkontinenz
    und selbstverständlich
  • meine mitgebrachten Bücher

Die gründliche Nackt-Kontrolle - ich musste mich ausziehen, die Strümpfe jedoch schnell wieder anziehen, denn die Beamten ekelten sich - sowie die gründliche Kontrolle aller Sachen, einschließlich der aus der Reisetasche - brachte es nicht zu Tage, dass mein Hosengürtel hohl war und innen einen Reißverschluss hatte. In diesem hätte ich Geld, Drogen und sonstiges Zeug bequem in die Zelle schmuggeln können.

Im Stasi-U-Knast Dresden konnte ich über meine Hosen Kassiber nach außen schmuggeln.

In Hamburg sind Kassiber nicht nötig, denn Briefe an Rechtsanwälte und Abgeordnete dürfen nicht kontrolliert, d.h. von der Anstaltsleitung gelesen werden.

Aber Drogen? Einen Schmuggelweg hatte ich schon nach  einer Stunde.


Dieser Riemen hat innen eine Tasche mit Reißverschluss. Bestens zum Schmuggeln geeignet.

Die UHA-Beamten kannten diese Schmuggelmethode nicht.

Die Kontrolle fand statt in einem ca. 12 qm großen Raum in Anwesenheit zweier Beamten. Das war netter als in Dresden. Dort stand ich zunächst einmal längere Zeit in einer ca. 1 x 1 m großen Zelle, musste mich dann ausziehen, erhielt Anstaltskleidung. Dass ich auf Zivilklamotten verzichte, unterschrieb ich in der Dresdner U-Haft selbstverständlich nicht. So durfte ich nach sieben Wochen als einziger diese tragen.

Hier in Hamburg hatte ich meine Zivilkleidung behalten dürfen. Ich Dresden zog ich mich während der Verhaftung mit der Bitte, mich umziehen zu dürfen, splitternackt aus. Nicht einmal die Unterhose behielt ich an. Die rund ein dutzend Stasi-Leute wussten nicht, wie sie reagieren sollten. Vier Jahre später handelte  Bärbel Bohley  ebenso. Die Stasi-Leute waren vorbereitet, trieben sie nackt auf die Straße, von da aus ins Auto. Ich spiele mit dem Gedanken, was passieren wird, falls jemand seine Haft in Deutschland Heute antritt, bekleidet nur mit Unterhosen.

Auch mein Schreibzeug, die Kugelschreiber durfte ich in die Zelle mitnehmen, leider nicht die Bücher.

Der erste Tag meiner Haft war ein Donnerstag, der letzte Tag meiner Haft ein Dienstag. Freitag und Montag waren Oster-Feiertage, also die Knast-Bibliothek war geschlossen. Die meisten "wichtigen" Knast-Entscheider zu Hause.
Mir stand ein langweiliges Ostern bevor.
Genügend Zeit zum Einleben hatte ich nicht. Weder in der grauen Zelle die vielen Stäubchen zu bewundern noch die große Welt zu erkennen, das Gedächtnis zu üben bzw. vieles mehr, was das Zellenleben ebenbürtig mit dem Leben "draußen" machen kann. 6 Tage sind für eine solche Umstellung meistens zu kurz.
Noch dazu in meinem fortgeschrittenen Alter von sechunssechzig Jahren.

Die Antwort des UHA-Beamten zum Widerspruch zwischen den Allgemeinen Hinweisen der Zivilkammer 24, dessen Vorsitzender Richter Andreas Buske ist, und der Information der UHA-Beamten, dass mitgebrachte Bücher den Gefangenen nur mit Genehmigung ausgehändigt werden dürfen, war:
"Das wissen wir, haben die Zivilkammer schon mehrmals darauf hingewiesen. Aber die nehmen das nicht zur Kenntnis." [Gedächtniszitat].
Dieses Gedächtniszitat beweist, dass der Beamte kein durchschnittlicher Deutscher ist, vielmehr hoch gebildet.
Er sah einen Unterschied zwischen "darf mitgebracht werden" und "Aushändigung nur mit Genehmigung der Knastleitung".

Nach zwei Stunden - der Feierabend rückte verheerend näher - beschwerte ich mich bei der UHA-Leitung:

".... Die von mir mitgebrachten Bücher wurden mir nicht ausgehändigt.
Ich bitte um Aushändigung, wie das im Merkblatt des Landgerichts (Vorsitzender Richter Andreas Buske) [steht] bzw. um sofortige Entlassung, damit ich zu einem [späteren] Zeitpunkt (nicht über Ostern) die Haft antreten kann ...."

Nach 15 Minuten erhielt ich die Bücher. In der Dresdner Stasi-UHA wäre das natürlich so nicht durchgegangen. Dort hatte ich kein Merkblatt, kannte also meine Rechte nicht.
Der Vorsitzenden Richter war mir unbekannt, zudem nicht erreichbar. Auch den Haftrichter hätte ich anschreiben können über die Vernehmer. Über Ostern, schon ab Donnerstag Nachmittag, wären diese keinesfalls erreichbar gewesen. Auch in der DDR war Ostern ein heiliger sozialistischer Feiertag.

Erlauben Sie mir bitte eine existentiell wichtige Abweichung vom Knastbericht:

Mit dieser Veröffentlichung droht mir eine Unterlassungsklage mit einem Strafverfahren, denn ich habe unwahr behauptet:

"....
Ich bitte um Aushändigung, wie das im Merkblatt des Landgerichts (Vorsitzender Richter Andreas Buske) [steht]
...."

Im Merkblatt stand ja gar nichts geschrieben über die Aushändigung. Ich belog die Beamten bezüglich des Vorsitzenden Richters, Andreas  Buske. Es müssten die BGB-Paragraphen 185 und 186  - Beleidigung und üble Nachrede - greifen.
Wenn schon über die Haarfärbung unseres Kanzlers nicht ungenau berichtet werden darf. Wenn mehr als 8 Verhandlungen sich mit dem Wort "Scheiße" beschäftigen. Wenn drei  Richter als Zeugen befragt werden, SO ist auch der Irrtum, dass "Mitbringen" "Aushändigen" bedeuten sollte, zu bestrafen.
Zumal, wenn über einen Richter, der sogar dem Bundeskanzler den Mund  verbieten darf, Tatsachen behauptet oder verbreitet werden, welche geeignet sind, denselben verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen. Es sei denn, die behauptete Tatsache ist erweislich [wirklich ?] wahr.

  1. "Mitbringen" ist erweislich nicht "Aushändigung".
     

  2. "..., wie das im Merkblatt des Landgerichts stand" ist erweislich unwahr.
     

  3. "... des Landgerichts (Vorsitzender Richter Andreas Buske)..." ist geeignet, denselben verächtlich zu machen oder ihn zumindest in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen.

Die Beamten, welche die Beschwerde gelesen haben, stellen eine Öffentlichkeit dar, wenn auch  eine beschränkte.
In Dresden genügten die Beamten in der Abteilung Inneres, welche meinen Lebenslauf zu lesen bekamen, sowie der Postweg vom Briefkasten zur Dienststelle, an die ich meinen "verleumderischen" Ausreiseantrag schickte, zur Herstellung von Öffentlichkeit. Genug, um mich zu verurteilen. Hielten die zuständigen Beamten etwas Verleumderisches in den Händen, griffen die Strafgesetzbuch-Paragraphen "Verleumdung" sowie "Hetze", nicht nur gegen die DDR und deren Führung sondern auch gegen befreundete Länder, allen voran selbstverständlich die UdSSR.

Sehr geehrter Herr Richter Andeas Buske, auch Sie haben die Chance; stopfen Sie mir mein freches Maul sofort an dieser Stelle. Was ich hier ausübe, ist keine Meinungsäußerung, es ist Verleumdung, Beleidigung, wenn nicht üble Nachrede. Ich möchte wieder in den Knast. Bald werden Sie erfahren, warum.

Oder versteht mein Anliegen der durchschnittliche Deutsche nicht, und sind folglich auch für Sie als Fachrichter der deutschen Sprache meine Worte nichts als böhmische Dörfer?

Nun hatte ich meine Bücher.

Jeder, der einmal eingelocht war, wird mir bestätigen, dass der Knast an sich nichts schlimmes ist. Im Knast ist es nicht anders als "draußen". Auch "draußen" ist niemand wirklich frei.

Der wesentliche Unterschied: Dass man in einem engen Raum in der Knastzelle absolut abhängig ist von den anderen. Dabei ist man fast machtlos, vergleichbar mit einem Hund, der in die Enge getrieben wird. Diese Abhängigkeit von anderen, die Furcht, was passiert, wenn es brennt, oder Dir schlecht wird, bzw. Du einen Herzinfarkt bekommst, all dies Widernatürliche kann dich verrückt machen. "Draußen" wird dir schnell geholfen, du kannst Dir selbst Hilfe suchen. Im Knast eben nicht.

Unterstützt wird diese Furcht noch bewusst durch das laute Knallen bzw. das Schließen der Zellentüren. Du bist in dieser Situation bloß einer von vielen, bedeutungslos.

Für die meisten Menschen ist das schon der erste Schock. Nun hatte ich mehr als zehn Monate Stasi-U-Knast hinter mir und wusste, dieses Eingesperrtsein in einer kleinen Zelle macht mir nichts mehr aus. Ohne Umwege im Startloch.

Die Beamten taten mir leid. Von den drei Richtern vermutlich nicht nur in meinem Falle missbraucht.

Allein schon der Gang zur Zelle. Der Wachtmeister immer im Abstand von ein bis zwei Meter dirigierend hinter mir darauf achtend, dass ich keinen Mist baue. Nun versuchen sie mal, jemanden von hinten aus zu dirigieren, wenn der zu dirigierende die vor ihm liegende Strecke nicht kennt. Auf dem Gang zwischen den Zellen musste die Seite mehrmals gewechselt werden, danach ging es die Treppen hoch und wieder runter, Auch Türen waren dazwischen, manche mit Schloss, manche ohne.
Wie kann der Beamte eine Angriff vermeiden, wenn er doch an mir vorbei muss, um die Tür zu schließen? Er muss anweisen, mich zwei Meter neben die Wand zu stellen mit dem Rücken zu ihm, so kann er sicher aufschließen; braucht nicht zu befürchten, von mir überraschend angegriffen zu werden.
Er kennt mich doch nicht. Darf er den Schriftstücken, wenn dort etwas über meine Aggressivität steht, vertrauen? Wahrscheinlich wurde ihm nichts zu mir gesagt, außer dass er mich in die Zelle Nummer 27 zu bringen soll.
Nun gibt es in dem alten Bau nicht immer Wände, an die zwei Meter weit von den Tür entfernt ein Gefangener einfach hindirigiert werden kann.
In meinem Falle wurde dieser Schnick-Schnack schnell aufgegeben, denn die Beamten sind auch  psychologisch geschult und haben vermutlich erkannt, dass ich kein körperlicher Angreifer bin.

 

Die Zelle 27

Allein wollte ich sein.

In Dresden wurde ich einen Monat lang allein in eine Zelle zur Strafe gesperrt; mir hatte das Alleinsein besser gefallen als der Kontakt mit zufälligen Zellennachbarn, vor allem, wenn diese jammerten.
In Deutschland Heute hat man das Recht, in der Zelle allein zu sein, denn es kann niemandem zugemutet werden, dass dein Zellennachbar genau dabei zuschauen kann, wie du scheißt. Deine Menschenwürde wäre missachtet.

Lediglich wenn es in Knast knapp wird mit dem Platz, ist es erlaubt, mehrere Gefangene in einer Zelle zusammenzusperren.
In der UHA Holstenglacis saß ich allein in einer Zwei-Mann-Zelle als solche erkennbar am Doppelbett. Ansonsten wie in Dresden, nur das Fenster ließ sich öffnen; ich konnte nach draußen schauen und den dreimal täglichen Hofgang beobachten, eine freiwilliges "Privileg", auf das ich selbst natürlich verzichtete.

Stuhl, Tisch, Waschbecken mit einem kaputten Spiegel, Spind, Schale aus weißem Porzellan,  Suppenteller (ebenfalls aus Porzellan), dreigeteilte Mittagsschale aus rostfreiem Stahl, Tasse, Stahlbesteck  (Messer, Suppen- und Teelöffel, Gabel). Dazu zwei Decken mit Bettbezug, ein Bettlaken, ein Keilkissen als Kopfkissen, ein nicht passender Kopfkissenbezug, eine abwaschbare Matratze, ein Geschirrtuch. Natürlich durfte die Klobürste, das graue Toilettenpapier, der Mülleimer mit Deckel und Mülltüte nicht fehlen. Das war´s wohl.
Es reichte vollkommen für die sechs Tage.

Im Stasi-U-Knast dagegen gab es eine Holzpritsche mit einer Matratze. Darauf schlief´s sich besser, als auf der abwaschbaren Matratze des Stahlbetts in HH. In Erinnerung erschien mir das Dresdner "Knastbett" ein wenig menschlicher.

Bei Mahlzeiten der Stasi wurde Plastikgeschirr durch die Luke gereicht. Auch das Besteck war aus Plastik. Alles zur Sicherheit der Häftlinge, damit diese keinen Selbstmord begehen bzw. keine Ausbruchwerkzeuge bauen können. Weshalb das in Hamburg anders war - das wissen die Macher. Vielleicht sind Selbstmorde nichts schlimmes. Wen interessiert´s auch? Selbst schuld!

Handtuch, Waschlappen, Bademantel hätte ich mitbringen müssen. Eine Thermoskanne hätte ich im Knast kaufen können - doch erst nach der Entlassung, der Kaufmann stand feiertags nicht zur Verfügung. Dasselbe betrifft auch den Fernseher, falls in der Zelle - nicht wie in meiner -  Steckdose vorhanden. In ganz Holstenglacis soll´s in den Zellen keine Steckdosen geben.

Mein Schreibzeug, meine Bücher und Klamotten hatte ich ja noch.

Die ca. 5 mal 2,5 Meter haben mir gereicht. Es waren etwas weniger als in Dresden. Der Dresdner Stasi-Knast wurde etwas später als der Knast am Holstenglacis gebaut.

In der Tür kein Guckloch, bei der Stasi gab es eins; es wurde sehr oft von den Etagenkellnern, wie wir liebevoll das Wachpersonal nannten, genutzt.

In Dresden gab es an den Wänden und auf den Pritschen keine Inschriften. Die Stasi achtete darauf. In Hamburg konnte ich mich an diesen ergötzen.

 

Das Essen

Es war schlechter als 1984 in Dresden bei der Stasi. Dort erhielten die Häftlinge das Essen aus der Stasi-Mitarbeiterküche, jedoch ohne Wahl. Der Koch war eindeutig kein Häftling; denn zur Urlaubszeiten - im Sommer und zur Weihnachtszeit - schmeckte das Essen schlechter.

Die Beamten in Hamburg behaupteten, dass wir als Gefangene auch deren Essen erhielten. Ich glaube  nicht, dass die vom Essen weniger verstehen als die Stasiknechte in Dresden. Ansonsten, - oh, je!

Das Essen wird dafür nicht durch die Türluke ´rein geschoben, sondern bei geöffneter Tür ausgegeben von einem doppelt bewachten Kalfaktor. In der Stasi-U-Haft gaben das Essen die Stasi-Etagenkellner selbst aus. Waren sich dazu nicht zu fein.

So gab es am Karfreitag zu Mittag Fisch mit Fleischsauce vermengt:

- Bratfisch
- Kartoffelsalat mit Gemüseschnitzeln vermischt
dazu
- eine Fleisch-Gulasch-Sauce, darin schwammen ein paar kaum erkennbare Fleischstücke.

Sollte das wirklich nur mir geschmeckt haben, auch den Beamten?

Was es sonst noch zu Essen gab:

Portionspackungen haltbar bis weit in das Jahr 2006:
  • Diät-Margarine von Becel
  • Schleswig-Holsteiner Butter (20 g)
  • Pflaumenmus, Erdbeer-, Aprikosenkonfitüre, Rübenkraut-Sirup von Dr. Höring (Zentis) (25 g)
  • Dreyer Nuss-Nougatcreme (Honighersteller) (20 g)
  • ObstLand Honig von Tegross Vertriebs GmbH
  • Frischgold Kräuterquark (200 g)
  • Edamer Käsescheibe-Frischpack (100 g)
  • Hofmeister Schmelzkäse leicht (62,5 g)

Danke an die lieben Hersteller!

In den 6 Ostertagen 2005 gab es:

zum Frühstück (7:15):
4 Schnitten Schwarzbrot,r Graubrot oder Weißbrot (jeweils, falls vorhanden)
2 x Becel Diät-Margarine oder einmal Butter - mein Dank gebührt Schleswig-Holstein
1 x Zentis-Konfitüre oder "Rübenkrautsirup" oder Tegross-Honig oder Dreyer-Nougatcreme
2 Scheiben Jagdwurst oder 1 eine hart gekochtes Ei (ohne Salz) bzw. Geflügel-Hackepeter-Wurst
Tee oder heißes Wasser in die Schüssel gegossen

zu Mittag (11:30):
gebratener Fisch mit Gulaschsauce - Suppe mit einem pappigen Fleischklops plus Hackepeter-Stückchen - Nudeln mit Gulaschsauce - Kartoffelsuppe mit Möhren und Bockwurst plus kleine Fleischstückchen - Putenbraten oder Hühnerschenkel nach Wahl mit Gulaschsauce
übersalzene Kartoffeln;  Kartoffelsalat mit Gemüseschnitzeln - Reis bzw. Kartoffeln nach Wahl
Dazu:
0,5 l Milch Tetrapack
1 MILRAM Fruchtjoghurt
1 Apfelsine
1 Kiwi
jeweils an einem Tag

Abendessen (16:30):
4 Schnitten Schwarzbrot,r Graubrot bzw. Weißbrot (falls vorhanden)
2 x Becel Diät-Margarine
1 x Zentis-Konfitüre oder Tegross-Honig oder Dreyer-Nougatcreme
1 x Käsequark mit Gemüse oder Kräuterquark von Frischgold mit Edamer Käse-Scheibe
2 (einmal 3) Scheiben Jagdwurst oder Geflügel-Hackepeter-Wurst
einmal Gemüsesalat mit Majonäse

Als Ganzes ein ausgeglichenes Essen, doch schlechter als bei der Stasi Dresden (auch wenn es dort keine Portionspackungen gab).

 

Inschriften an den Wänden der Zelle, auf Bettbrettern und Tür

"Ich denke eher an die Unschuld einer Hure als an die Gerechtigkeit der deutschen Justiz"

"3,2,1 und tschüß. Ich bin raus! Ha, ha, ha, Ihr seid blöd!"

"Die Freiheit hat einen Wert wie keine andere Sache. Das hatte ich nicht erkannt, bevor ich ich hier hinein gelangte!" (russisch)

"Heute werde ich entlassen, dann wird erstmal richtig gekifft und gefickt."

"Wir Menschen sind die Schlimmsten."

"Bleibt cool, Jungs! Das wird super!" (russisch)

"Jungs, morgen geht´s in die Freiheit, so werde ich morgen bis früh saufen und alle Hündinnen ficken, aber zunächst hole ich mir die Kohle für das, wofür ich hier saß." (russisch)

"Hier war ich Anton Gena. Im Februar zweitausendundvier." (russisch)

"Хочу косяк или колёс или шырева и камнем похуй чего лижбы не скучать.
Хотя бы урзина, но врач мне не дал, сука. Так я не наркоман, хотя в крови все нашли, что могли."
"Ich
möchte einen Joint, eine Tablette oder eine Spritze, scheiß egal, bloß keine lange Weile.
Wenigstens Ersatz, aber der Arzt, das Arschloch, gab mir nichts. Ich bin doch doch nicht süchtig, obwohl alles, was sie konnten, haben sie im Blut gefunden."

"5 g Beifuß
3 g Knabenkraut
1 g Katzenminze
trocken pulverisiert:
5 g Fett"

Alles zu einer Salbe
Hier überall einreiben
und Hallu´s schieben.

"Ob sie dich lieben oder hassen, irgendwann müssen sie dich entlassen."

"Volker war hier, weil er blöd ist!
Nix zu rauchen, keine Freunde, oh Scheiße.
Wenn ich nicht so feige wär, würd ich mich wegmachen!
Da es hier für gute Ratschläge und kluge Sprüche zu spät ist,
kann ich jedem. der hier sein muss, nur sagen:
 «Gebt die Hoffnung nicht auf. Jungs!»"

"Gegen Nazis! Nazis raus!"

"Hundesöhne, geben am Wochenende kein Papier.
Ich werde alle Betten voll schreiben. Anton" (russisch)

"Was ist ein Türke mit dem Messer in der Hand?
Kartoffelschäler.
Nein.
Ein Feigling, der sich nicht anders helfen kann.
Scheiß-Kakerlaken-Pack!"

Inschrift auf der Tür:
"Ausgang
Aber auch Eingang zur Hölle.
Eingang zur Hölle:
- Vernehmungen
- Gegenüberstellung
- Vollzug
- Hofgang
- Arzt(?)
- Abschiebung"

"Ich sitze im Dunkeln,
die Kammer ist feucht.
Hinter Gittern gefüttert
 als Adler kaum flügge.
A.S Puschkin" (freie Übersetzung aus dem Russischen)

 

Die Beamten

Scheinen militärisch nicht gedrillt worden zu sein. Oder die Bundeswehr-Befehls-Gehorsamserwartungen sind andere als bei den zum militärischen Gehorsam gedrillten UHA-Boys der Stasi.
Meine Befehle "Kehrt marsch!" "Setzen" hatten in Dresden vorbildlich funktioniert.
Es traute sich nach achteinhalb Monaten kein einziger Stasi-Knastmeister mehr zu mir in meine Zelle.
Der Drill hat das eigene Denken verdrängt.
Auch die Beamten in Holstenglacis vermeiden ernsthafte Diskussionen, sie arbeiten nach Schema, doch militärische Befehle hätten vermutlich keine Wirkung. Habe es auch gar nicht probiert.

Die Knast-Beamten sind als Ganzes ein paar recht angenehme Typen. Bei zweien sah ich keinen äußeren Unterschied zu den Knastbrüdern. So meine Beobachtungen aus dem Fenster beim Hofgang. Habe jedoch keinen Beamten näher kennen gelernt.

Meine Beamtenkontakte:

- Einlasspförtner - nimmt den Personalausweis ab und benachrichtigt den Abholdienst

- abholender Beamter, schweigt, führt mich mit einigen Zwischenstationen zur Nackt-Kontrolle

- zwei Beamte bei der Nackt-Kontrolle

- ein begleitender Beamter zur Zelle, dann zur Personenerfassung, zum Arzt

- Erfassungsdame - Foto etc.

- Arzt mit zwei weiblichen Helferinnen

- zwei begleitende Beamten des Kalfaktors bei der Essensausgabe

- Beamter, dem ich meine Beschwerde wegen der Bücher abgab

- Beamter, der ein kurzes Gespräch über die Hausordnung führte

- Beamter, der mir die Hausordnung gab

- Beamter, der mir die Bücherliste gab

- Beamter, welcher mich aufklärte über Taubenfütterungsverbot

- Beamter, geht mit zum Arzt am Tag der Entlassung

- Beamter in der Reservatenkammer (Aufbewahrung des persönlichen Eigentums der Gefangenen, welches nicht in die Zelle mitgenommen werden darf)

- Beamter zur Entlassungs-Beamtin

- Beamtin in der Entlassungs-Stelle

Nicht erwähne ich die Köche, die Kalfaktoren, die Reinigungskräfte, die meinen Müll entsorgen, sowie Organisatoren, welche dafür sorgten, dass auch Brot, Butter, Obst und andere sehr angenehme Dinge  immer in fast ausreichender Menge vorhanden sind.

So viel "Umsorgtsein" erlebe ich "draußen" vielleicht zusammengerechnet mit etwas Glück innerhalb eines ganzen Jahres.
Ich kaufe selbst ein, darf nicht vergessen, dass etwas fehlt - Stress, Stress, Stress - muss auch ans Geldverdienen fürs Essen denken. Im Holstenglacis: all das entfällt.

Gesprächsnotizen zum Verständnis des zwischen Gefangenen und Beamten herrschenden Geistes:

1. Die Mülltüte gab ich zum Leeren raus, und ich bat um eine neue bzw. Rückgabe der Tüte für den Eimer.

"Wozu?"
-  "Wegen dem Müll, braucht aber auch nicht zu sein."
- "Ist ihr Problem, wenn der Eimer stinkt."
"Nein, nicht mein Problem, stinkt nach mir."
- "Was, sie sind wohl nicht lange drin?"
Mit den Worten: - "Möchte mich mit Ihnen nicht streiten," gab er mir die Tüte wieder.

Moral von der Geschichte: Mülltüten immer mitbringen.

2. Ich fütterte auffällig-unauffällig die Tauben mit meinem Brot

Nach zwei Fütterungstagen geht die Zelltür auf:

- "Füttern Sie bitte nicht die Tauben"
"Warum nicht!?"
- "Sie sehen, die Tauben sind krank. Das liegt am Brot. Das ist für Tauben ungesund."

Ich habe mich überzeugen lassen; die Tauben waren wirklich am Hals ohne Federn.
Die Stadtordnung, welche das Füttern von Tauben bei Strafe verbietet, könnte auch im Knast greifen, erst recht nach meiner Schule im Recht bei solch angesehenen Richtern wie Richter beim Landgericht Hamburg, Herrn Andreas Buske,  und Richterin am Hanseatischen Oberlandesgericht Frau Dr. Raben sowie Richter ebendort Herrn Büchel.

 

Der Alltag

6:45 Wecken

7:15 Frühstück

11:30 Mittag

16:30 Abendessen

17:45 Einschluss, Müllleerung, sonstige Wünsche (z.B. Arztbesuch, Einkauf etc.), Zeitungen

22:00 Nachtruhe - Licht wurde nicht ausgemacht, konnte von Hand ausgeschaltet werden.
Dies gab es im Stasiknast nicht.

Vormittags und Nachmittags Hofgang:

Bis zu 30 Häftlinge laufen täglich ca. 1 h im Kreis.

Auf den Hofgang habe ich verzichtet. Mir wurde ein individueller Hofgang angeboten. Doch auch auf diesen habe ich verzichtet.

In der Liste der Disziplinarverfahren ist die getrennte Unterbringung während der Freizeit bis zu vier Wochen die fünfthöchste Strafe und der Entzug des täglichen Aufenthalts im Freien bis zu einer Woche sogar die sechsthöchste Form der Bestrafung. Danach kommt Entzug der zugewiesenen Arbeit oder Beschäftigung, Beschränkung des Verkehrs mit Personen außerhalb der Anstalt bis zu drei Monaten und Arrest bis zu 6 Wochen.

Freigang-Hof von außen
Meine Zelle müsste die unten rechts gewesen sein

Also hatte ich mir selbst schon eine sehr hohe Disziplinarstrafe auferlegt und war damit frei. Konnte z.B. ungestraft Tauben füttern.

In der Zwischenzeit habe ich die mitgebrachten Bücher gelesen, geschrieben, aus dem Fenster den Hofgang beobachtet, geschlafen oder bin ein wenig in der Zelle ´rumgelaufen.

Wieder konnte ich mich mit Physik beschäftigen und habe leider Brian Greene "Das einsame Universum" nicht zu Ende lesen können. Die 6 Tage waren viel zu schnell vorbei.

Langweilig war es nicht.

Es gibt natürlich auch eine Hausordnung, müsste eigentlich in jeder Zelle liegen, auch in türkisch, russisch bzw. den anderen Gefangenensprachen.

"Die Gefangenen beschädigen diese sehr schnell, deswegen geben wir sie für einige Tage auf Anforderung," erklärte mir der wachhabende Beamte. Ich erhielt die Hausordnung am Dienstag, also dem vorletzten Hafttag, und konnte sie gleich abschreiben. Hausordnung UHA Holstenglacis, Hamburg.
Entspricht fast wörtlich der Untersuchungshaftvollzugsordnung (UVollzO) bzw. dem Strafvollzuggesetz (StvollzO) .

Vorgenommen hatte ich mir, dem Justizsenator Kusch anzubieten, die erforderlichen Exemplare kostenlos Holstenglacis zu liefern, auch russisch.
Geschrieben habe ich das ihm nach der Entlassung nicht. Denn es ärgerte mich seinerzeit, vom Justizsenator keine Antwort auf mein Schreiben erhalten zu haben. Nicht einmal für nötig hielt er es seinerzeit, mir den Erhalt des Schreibens zu bestätigen.
Heute weiß ich: das Fehlen der Hausordnung in der Zelle ist kein Einzelfall. Vermutlich System.

 

Nachwort

Über Gefängnisse wurde und wird viel geschrieben. Meist sind die Berichte in den Medien und der Literatur nur so, dass man sich wundern muss. Es wird selten beschönigt meistens verteufelt.

Das ist kein Zufall, denn was "hinter Gittern" passiert, soll abschrecken. Den normalen Bürger sollten Details, Ursachen und Hintergründe nicht interessieren. Resozialisierung der Gefangenen soll angebracht sein - kaum jemanden interessieren Details.

Ein Bürger, welcher alle Gesetze einhält, damit den gesellschaftlichen Konsens, gelangt, so wird im Allgemeinen angenommen, niemals in ein Gefängnis. Denn das Gefängnis ist der Ort für Diebe, Räuber, Mörder und sonstige Lumpen der Gesellschaft, welche weder schaffen, normal zu leben, noch dazu fähig sind.

Wird über Gefängnisse wahrhaftig geschrieben, stehen im Vordergrund meist Sensationen bzw. die Popularität des Berichterstatters; von als "Sachzwänge" verkleideten wirtschaftlichen Interessen möchte ich hier lieber schweigen.

Dass Gefängnisse sich überholt haben, wird diskutiert. Bewegt hat sich nichts.

Mein Anliegen besteht darin, dem "normalen Bürger" die Furcht vor dem Gefängnis zu nehmen, sich von diesem Schreckgespenst weder einschüchtern noch missbrauchen zu lassen; als Persönlichkeit in Konflikten mit den Mächtigen zu bestehen, so die sich ihm bietende Chance zu nutzen, daran zu wachsen.

Links:

Hamburger Abendblatt - 28.02.2006 - Geheimbericht des Europarats über Holstenglacis - rot markiert sind meine Bestätigungen.

http://www.strafvollzug-online.de - eine Übersicht mit Gesetzen und Hinweisen zum Strafvollzug

Hausordnung UHA Holstenglacis, Hamburg

Gefangenenrechte

Buskeismus - Seite zu der Urteilen, Beschlüssen und der Prozessführung von Richter Andreas Buske

Politische Gefangene in Deutschland Heute

Möchte jemand abnehmen, ohne das Gefängnis besuchen zu müssen, so kann er sich im Internet klug machen. Beispiele:

Erste Hilfe, wenn der Hosenbund kneift - Tipps von Aida Alemou

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Dieses Dokument wurde zuletzt aktualisiert am 11.01.2014
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